Fram-Blog
8. Juli 2026
«Der Mann aus Einsidlen», Linus Birchler, im Selbstporträt
Wer in unserer Ausstellung «Ein Dorf von Welt» über Einsiedeln die Texttafeln und Bildlegenden liest, wird verschiedenen Schreibweisen des Ortsnamens begegnen. Neben «Einsiedeln» auch «Einsideln» oder «Einsiedlen», wenn nicht sogar «Einsidlen».
Dem einheimischen Kunsthistoriker Linus Birchler, von 1934 bis 1960 Professor für Baugeschichte und Allgemeine Kunstgeschichte an der ETH Zürich, war die übliche Schreibweise «Einsiedeln» schon immer ein Dorn im Auge. Als Mitinitiant der Welttheater-Tradition in seinem Heimatdorf schlug er im Hinblick auf die vonn ihm geprägte Spielzeit von 1930 vor, im Programmheft «Einsiedeln» durch «Einsiedlen» zu ersetzen. Das Organisationskomitee befasste sich nicht allzu lang mit dem Vorschlag und liess im Protokoll festhalten: «Dr. Birchler wünscht eindrücklich, dass das Wort Einsiedeln überall durch Einsiedlen ersetzt werde. HH. Dr. Pater Raphael Häne, Professor der Literatur, erklärt, dass an sich beide Wendungen richtig seien. Beide entstammen dem alten Wort Einsiedelen.» Während aber die Mundart, so Hochwürden Häne, das zweitletzte «e» ausfallen liess, habe die Schriftsprache das letzte «e» gestrichen, «wodurch das heute offiziell und amtlich gebrauchte Einsiedeln sich bildete».
«Einsiedeln» durch «Einsiedlen» oder noch lieber «Einsidlen» zu ersetzen, war dem Ehrenpräsidenten der Gesellschaft der Geistlichen Spiele bis in seine letzten Jahre ein grosses Anliegen. Guntram Saladin, ein Ortsnamenforscher und Mitschüler von Linus Birchler an der Stiftsschule Einsiedeln, sprach von dessen «hartköpfigem ceterum censeo». Die beiden setzten sich 1941 in drei Ausgaben der «Neuen Zürcher Nachrichten» mit «Einsiedeln versus Einsidlen» auseinander. Für Birchler war «Einsiedeln» eine nicht akzeptable «Verhochdeutschung» von «Einsidlen», und ihn packte schon früh «ein heilloser Grimm auf das wüste Wort».
«Der eigenwillige Herausforderer», wie Pater Suso Braun den Toten an der Trauerfeier 1967 nannte, gab sich bis an sein Lebensende nicht geschlagen: In seinem Buch «Vielfalt der Urschweiz», das 1969 posthum erschien und im Jahr 2000 neu herausgegeben wurde, verwendet er konsequent die Schreibweise «Einsidlen», und sein letzter Essay trägt den Titel «Das Einsidler Gnadenbild». Der Architekt und Kunsthistoriker Michael Stettler, einer von Birchlers Studenten, erinnerte sich an seinen Doktorvater in einer Gedenkschrift zum 100. Geburtstag unter der Überschrift «Der Mann von Einsidlen – Linus Birchler».
Die Einsiedlerinnen und Einsiedler liess die Diskussion, ob ihr Dorf «Einsiedeln» oder «Einsidlen» heissen soll, wohl ziemlich kalt. Viel lieber korrigieren sie Auswärtige, wenn diese im Dialekt das «n» unterschlagen und ihr Dorf «Eisiedlä» nennen.
«Gesamtauflage ihrer Werke über 120’000 Exemplare.» Mit dieser Affiche warb der Einsiedler Benziger Verlag unter dem Titel «Die Heimat-Romane von Maria Dutli-Rutishauser» für seine Bestseller-Autorin in einer Broschüre, auf der neben Einsiedeln auch Zürich und Köln als Filialen aufgeführt waren. Laut Schriftsteller Pirmin Meier ist diese hohe Zahl auf das damals noch einigermassen intakte katholische Milieu zurückzuführen. Wenngleich Maria Dutli-Rutishauser – wie einst Heinrich Federer – auch ein gutes Echo im Berner «Bund» zu verzeichnen hatte. Der nicht zu übersehende Erfolg dieser dezidiert katholischen Autorin oder ihres männlichen Kollegen F.H. Achermann (Walter Verlag, Olten) zwang das Feuilleton dazu, vom Satz «Catholica non leguntur» – also Katholisches liest man nicht -, vorübergehend abzuweichen. Der damalige Feuilletonredaktor Arnold H. Schwengeler doktorierte als Katholik über Federer, nachdem die erste Auflage seiner Dissertation mit der Anmerkung, dass Federer homosexuell gewesen sei, aus Zeitgeistgründen hatte eingestampft werden müssen!
Katholische Sozialisation
Geboren im Jahr 1903 als Tochter von Katharina Forster und Ferdinand Rutishauser wuchs Maria im strengen Elternhaus in Obersommeri (TG) auf. Ihre Liebe zur italienischen Sprache führte sie nach Rom und Locarno. Dort lernte sie ihren Mann, Josef Dutli, kennen. Die selbstbewusste und starke, christlich geprägte und fürsorgliche Mutter und Ehefrau vertrat die Ansicht, dass die Aufgabe der Frau in der umsichtigen Führung des Haushaltes und in der Erziehung der Kinder bestehe. Sie vertraute darauf, dass nicht der Kampf um das Recht der Frau wichtig sei, sondern die Ausübung der fraulichen Fähigkeiten und deren Stärken. So konnte sie nie und von niemandem als «Kämpferin» für das Frauenstimmrecht gewonnen werden, denn auch da vertrat sie die Meinung, dass die Themen von Abstimmungen zu Hause ausdiskutiert werden und dass die Familie mit einer Stimme vom Mann zu vertreten sei. Wenn nicht sei die Stimmabgabe sinnlos, da sie sich mit einmal Ja und einmal Nein ohnehin wieder aufheben, so ihre Schlussfolgerung.
Keine Emanze
«Sie hat sich für die Bildung der Frauen eingesetzt. Aber sie war nie eine Emanze, sie war fürsorglich. Ihre Familie und das Heim waren ihr immer sehr wichtig», so eine Zeitzeugin. Maria Dutli-Rutishauser lebte im typisch weiblichen Spannungsfeld von Familie und Karriere. Während sie als Schriftstellerin, Rednerin und Kolumnistin höchst aktiv war, gebar und erzog sie sechs Kinder. Möglich war das durch die Hilfe von Dienstmädchen und Ehemann Josef Dutli, der eigentlich ihr Manager war. Während des Zweiten Weltkriegs hielt sie im Auftrag von «Heer und Haus», einer der Armee unterstellten Organisation, und der schweizerischen Frauenverbände Vorträge zur geistigen Landesverteidigung. Zudem war sie mit solchen Themen im Radio zu hören. Sie war weiter «Presseführerin» – sprich: Zensorin – des «Boten vom Untersee». Da habe es aber nicht viel zu zensieren gegeben, sagte sie 1989 im Lokalfernsehen Diessenhofen – der «Bote» sei «eine harmlose Zeitung» gewesen.
Kolumnistin von «Meyers Modeblatt»
Maria Dutli-Rutishauser war auch Kolumnistin von «Meyers Modeblatt». Sie schrieb während fünf Jahrzehnten, bis 1992, in der Zeitschrift und war so eine einflussreiche Journalistin und in zahlreichen Schweizer Haushalten präsent. Ihre Themen hat sie aus dem Leben gegriffen, ihre Erfahrung und ihren Mutterwitz an eine breite Leserschaft weitergegeben – durchaus nicht moralinsauer, sondern mit einem gewissen Schalk. Kopf und Herz hielten sich bei ihr wunderbar die Waage.
Sie war intelligent und durchaus auch selbstbewusst gewesen. Als der Journalist Niklaus Meienberg im Jahr 1985 unter ihrem Namen – er dachte, sie lebe nicht mehr – eine Polemik gegen Fürst Franz Josef zu Liechtenstein, Vater von Fürst Hans-Adam, publizierte, war Maria Dutli-Rutishauser stocksauer, aber sie verzichtete auf einen Rechtsstreit. Und stets sei sie kerzengerade gesessen. Von Hand schrieb sie, nachts vorwiegend, und ihr Gatte tippte ihre Texte auf einer uralten Schreibmaschine ins Reine.
«Hüter des Vaterlandes»
Ihr wichtigster Roman «Hüter des Vaterlandes» (Benziger Verlag) erschien 1991 in der 14. Auflage. 41. bis 45. Tausend! Selbst die französische Übersetzung brachte es in der 4. Auflage auf über 20 000 Exemplare. Dieses Werk liegt auch in Blindenschrift vor. Die Bücher von Maria Dutli-Rutishauser wurden nicht nur ins Italienische, Französische, Englische, Holländische oder Flämische übersetzt, sondern oft als Fortsetzungsromane in Zeitungen abgedruckt. Ihr allererster Roman «Der schwarze Tod» (1930) war beim damals tonangebenden Verlag Huber in Frauenfeld erschienen. Der unbearbeitete Nachlass wird im Thurgauer Staatsarchiv aufbewahrt. Darunter befindet sich eine Unmenge von Fanpost. Die Gesamtauflage der verkauften Werke dürfte sich inzwischen auf über eine Viertelmillion Exemplare belaufen.
«Ein glücklicher Mensch»
Die meisten der Bücher erschienen in Einsiedler Verlagen (Benziger und Waldstatt). «Die Dichterin Maria Dutli-Rutishauser nimmt als Darstellerin heimatlicher Gestalten und Schicksale eine besondere Stellung in der Volksliteratur ein. Ihr echt menschliches Empfinden, ihre gemütvolle Auffassung des Lebens, die Farbigkeit und Spannung, die vor allem ihre Romane aus der schweizerischen Bergwelt auszeichnen, haben ihren Büchern einen grossen und treuen Leserkreis geschaffen.» So liest man auf der Benziger-Verlagswerbung in einem Faltblatt, das für sieben Bücher der Autorin wirbt.
Im Benziger Verlag erschien 1951 der Erzählband «Ein glücklicher Mensch». Die am Schluss des Buches abgedruckte titelgebende Geschichte führt ins Waisenhaus nach Einsiedeln. Eine literarische Aufarbeitung der gewiss nicht einfachen Situation in einer derartigen Einrichtung zur damaligen Zeit wird hier von Maria Dutli-Rutishauser in überzeugender Manier geleistet. Wer wollte nach der Lektüre je das von Waisenhausbewohner Stanislaus an der Kilbi erworbene rote Windspiel mit seinen sich drehenden Rädchen vergessen?
Mutter sein
«Mutter sein», heisst höchste Freud’ empfinden
Heisst, hier auf Erden schon das Glück des Himmels finden,
Heisst, in blauer Kinderaugen hellem Schein
Froh und wunschlos glücklich sein.
«Mutter sein» umfasst die tiefsten Leiden,
Schliesst in sich Entsagen, strenges Meiden,
«Mutter sein» heisst mit dem eignen Leben
Seinen Kindern schöne Tage geben.
Maria Dutli-Rutishauser
Bruder Gerold Zenoni OSB, 1958 in Altdorf (UR) geboren, trat nach einer Lehre als Typograf 1980 ins Benedektinerkloster
Einsiedeln ein. Er arbeitet in verschiedenen Bereichen des Klosters und er ist als Sakristan der Gnadenkapelle zuständig für den Kleiderwechsel
am Gnadenbild der Einsiedler Madonna. Zenoni schreibt zudem für die Klosterzeitschrift «Salve» und hat auch Bücher verfasst. 2009 erhielt er den Förderpreis der SRG idée suisse Zentralschweiz.
Dieser Blog-Text ist eine gekürzte Version eines Artikels aus «Salve – Zeitschrift der benediktinischen Gemeinschaften Einsiedeln und Fahr», Nr. 2 – 2023.
Der Benziger Verlag Einsiedeln ist in einer ganz besonderen Weise mit einer Schriftstellerin verbunden, die im österreichischen Bundesland Vorarlberg zu einer literarischen Pionierin wurde: Anna Hensler (1878–1952).
Anna Hensler war die erste Vorarlbergerin, die eine eigene Erzählung veröffentlichen konnte. Dabei fand sie mit ihrem zweiten Buch gleich auf Anhieb mehr Leserinnen und Leser als jemals ein Vorarlberger Schriftsteller zuvor. Durch ihren Erfolg sollte die Literatur in Vorarlberg nicht länger eine Männerbastion bleiben. Nebst belletristischen Werken schuf Anna Hensler auch unzählige historische Arbeiten, immer basierend auf gründlichem Quellenstudium. Mit ihren Abschriften und der Drucklegung einer Reihe von Chroniken hat sie bedeutende Aufzeichnungen zur Geschichte Vorarlbergs vor dem endgültigen Verlust bewahrt.
Anna Henslers heimatkundliche Arbeiten zur Sagenforschung, Volkskunde, Geschichte und zum Brauchtum des Landes sind grundlegend. Ihre Beiträge bereicherten die damaligen Volksschullesebücher und bildeten deren heimatkundlichen Fundus. Die meisten Vorarlberger werden von Rudolf von Ems und Hugo von Montfort, den lokalen Vertretern der Dichtung im Mittelalter, bestenfalls noch das wissen, was Anna Hensler dereinst über sie im Schullesebuch erzählt hat. – Heute ist Anna Hensler schier vergessen. Zwei Drittel ihrer Lebenszeit verbrachte sie in Feldkirch.
Familie Hensler
Anna Hensler wurde am 19. Juni 1878 in Bregenz geboren. Sie war die mittlere von drei Töchtern des aus Klaus stammenden Arztes Josef Kaspar Hensler (1836-1884) und seiner Ehefrau Johanna Katharina Hensler (1839-1928), einer geborenen Watzenegger aus dem Gasthaus Engel in Götzis. Ihre Schwestern waren die nachmalige Malerin Maria Hensler (1874-1907) sowie die Schriftstellerin und Wappenkünstlerin Hedwig Hensler Watzenegger (1880-1962).
Im Jahre 1882 übersiedelte die Familie Hensler von Bregenz nach dem heute tschechischen Marienbad in Böhmen, wo der Vater eine Stelle als Kurarzt antrat, aber bereits zwei Jahre später im Juli 1884, gerade einmal 48 Jahre alt, an einem Herzschlag verstarb. Danach zog die Mutter mit ihren drei Töchtern wieder zurück nach Bregenz. Anna besuchte die Volksschule in Thalbach und anschliessend die Privatschule von Anna Waldner, an der sie Englisch und Französisch lernte. Ausserdem erhielt sie noch Privatunterricht in Literatur und Geschichte. Bereits mit 15 Jahren versuchte sich Anna in ersten Übersetzungen von literarischen Texten aus anderen Sprachen. Ihr Herz für die Literatur war erwacht. Nach einem halbjährlichen Abstecher der Familie an den Genfer See, wohl zur Vertiefung ihrer Fremdsprachenkenntnisse, übersiedelten sie 1895 miteinander nach Feldkirch, wo die Familie noch Grundbesitz hatte, und wohnten an der Carinagasse Nr. 1 in Tisis.
Das erste Buch einer Vorarlbergerin
In Feldkirch beschlossen die drei Schwestern Hensler, gemeinsam einen Roman über die Zeit der Römer in Bregenz zu schreiben. Während ihr Gemeinschaftsprojekt nicht so richtig vorankommen wollte, verfasste Anna einen heimatlichen Bilderreigen und schickte ihn 1901, ohne dass jemand von der Familie davon wusste, unter dem Titel Das Vorarlberger Oberland an die Zeitschrift “Deutscher Hausschatz”. Unverhofft wurde die Erzählung gleich angenommen und gedruckt, zur Freude der ganzen Familie. Damit war Anna die erste Vorarlbergerin, von der eine Erzählung in Druck erschien.
Dies stärkte ihren Mut, eine grössere Dichtung in Angriff zu nehmen. So entstand die Erzählung Die Hohenems. Eine Märe aus dem XII. Jahrhundert, die 1904 in Franz Unterbergers Verlag in Feldkirch erschien. Das erste veröffentlichte Buch aus der Feder einer Vorarlbergerin.
Im Mittelpunkt dieser Erzählung von Anna Hensler steht der Königsknabe Wilhelm III., Sohn des Normannenfürsten Tankred von Lecce, der im Laufe des tragischen Geschehens geblendet und als Gefangener auf das Schloss Hohenems gebracht wird. Kunstvoll verwebt hier die Autorin historische Tatsachen mit einer zarten Liebesgeschichte zwischen Wilhelm und Rühmut, der Schwester des Dichters Rudolf von Ems, sowie einer mutmasslichen Entstehungsgeschichte der auf Burg Hohenems aufgefundenen Handschriften des Nibelungenliedes.
Der Erfolgsroman: Frankreichs Lilien
Beim Erscheinen ihres ersten Buches hatte Anna Hensler bereits ein zweites, noch viel umfangreicheres Werk vollendet, von dessen Existenz nur ihre Mutter und die beiden Schwestern wussten. Niemand sonst sollte davon erfahren, bevor sie es «an den Mann» gebracht hätte. So unternahm sie zusammen mit ihrer älteren Schwester Maria eine Reise nach Einsiedeln, um den historischen Roman dem Benziger Verlag anzubieten. Die Erzählung ist angesiedelt in der Zeit der Französischen Revolution und handelt vom tragischen Geschick der Kinder des französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette, einer Tochter von Kaiserin Maria Theresia.
Der Verlag bewies ein gutes Gespür und bewundernswerten Mut, indem er den Roman der jungen, völlig unbekannten Frau annahm und ihn umgehend 1905 unter dem Namen «A. Hensler» und dem Titel Frankreichs Lilien – die Schicksale der Kinder Ludwigs XVI. veröffentlichte. Das Buch wurde zu einem Verkaufsschlager. In einem Jahr waren 4‘000 Stück abgesetzt, und bis zum Zweiten Weltkrieg gingen schon 37‘000 in den Buchhandel. Der Roman erschien auch in Amerika und soll sogar ins Chinesische übersetzt worden sein. Bis zum Erscheinen von Robert Schneiders Roman Schlafes Bruder 1992 hat kein Buch aus Vorarlberg einen solchen Erfolg erlebt.
Anna Henslers Erfolgsroman Frankreichs Lilien sollte kein weiteres Buch mehr folgen. Die Pflege ihrer kranken Mutter bis zu deren Tod 1928 band Annas Kräfte fortan so stark, dass an ein umfangreiches Werk nicht mehr zu denken war. Auf Anregung von Hermann Sander (1840-1919), der 1895 schon Gedichte ihres Vaters Josef Hensler publiziert hatte, machte sie sich zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Hedwig Hensler Watzenegger indes daran, den Schatz der Vorarlberger Sagen, Legenden und Brauchtümer nach und nach zu heben und an die Öffentlichkeit zu bringen. 1910 schrieb sie eine Biografie über den Rankweiler Schulmeister und Freiheitskämpfer Josef Sigmund Nachbauer, erstellte Abschriften lokaler Chroniken und publizierte sie, übertrug mittelalterliche Lieder und Weisen der Vorarlberger Dichter Rudolf von Ems und Hugo von Montfort in die heutige Sprache und lieferte unzählige heimatkundliche Beiträge für Tagesblätter, Zeitschriften, Museumsberichte und Volksschullesebücher.
Kurz vor Erscheinen von Frankreichs Lilien, im Jahr 1903, hatte Karl Muth, der bei Benziger Redaktor der Zeitschrift Alte und Neue Welt war, in München auch die literarische Zeitschrift Hochland gegründet, in der Anna Hensler später wiederholt publiziert habe.
Eine wehrhafte Frau
Anna Hensler hat das Vorwort zur ersten Auflage Ihres Romans Frankreichs Lilien mit «Feldkirch, im Januar 1904» abgeschlossen. Weil darin bereits auf die im gedruckten Werk verwendeten Illustrationen Bezug genommen wird, dürfen wir annehmen, dass das Buch zu jenem Zeitpunkt bereits das «Gut zum Druck» erhalten hatte oder gar schon gedruckt war. Ende 1904 wurde der Roman denn auch in verschiedenen katholischen Zeitungen als «Beachtenswerte Neuheit für den Weihnachtstisch» beworben.
Aber irgendetwas muss in der Zwischenzeit zwischen Anna Hensler und dem Benziger Verlag vorgefallen sein, sodass die Schriftstellerin sich veranlasst sah, sich bei ebendiesem leidlich zu beklagen. Wenn ihre an den Verlag gerichteten Briefe zwar auch verloren scheinen, so sind doch Durchschläge einiger Briefe des letzteren an sie erhalten geblieben. So bezeichnete zum Beispiel ein Verlagsmitarbeiter in einem Brief vom 6. Februar 1905 an Anna Hensler ihren Roman diminuierend als ein «Werklein» und fügte hinzu: Auf den Inhalt Ihres Schreibens eintretend, bedauern wir vor allem in hohem Grade Ton & Sprache desselben & bedauern des fernern, Ausdrücke wie: «vom Verleger inspiriert», «böswillige Absicht», «Geschäftskniff», «Sündenbock», «Intriguen», «Vorspiegelungen», «hinterlistige Weise», «300 Fälschungen», «Vertragsbruch» u.s.w. hiermit an die Urheberschaft derselben zurückzuleiten uns veranlasst zu sehen, indem wir uns gegen solche Beleidigungen mit allem Nachdrucke verwahren! Ganz offensichtlich war die mutige junge Autorin einigen Personen im Verlag zuvor auf den Schlips getreten. Wie diesem und anderen erhalten gebliebenen Antwortbriefen des Verlags an sie zu entnehmen ist, fühlte sie sich von einigen seiner Mitarbeiter nicht richtig ernst genommen, abwertend behandelt und in Sachen Bewerbung des Romans gegenüber anderen Verlagsautoren benachteiligt. – Der frühere Redaktor Karl Muth, der ihr die Publikation überhaupt ermöglicht hatte, scheint damals den Benziger Verlag bereits verlassen zu haben.
Der Benziger Verlag hat mit Frankreichs Lilien gute Geschäfte gemacht. Wie seine Geschäftsbücher belegen, wurden Anna Hensler aber bis nach dem Zweiten Weltkrieg regelmässig Autorenhonorare überwiesen.
Die Tragik der Kriege
Anna Henslers Leben endete unter tragischen Umständen in Armut. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Geldentwertung das väterliche Erbe vernichtet. Und nach dem Zweiten Weltkrieg hätte Anna Hensler etliche hundert Franken Honorar, das sie von ihrem Schweizer Verleger erhalten sollte, sehr notwendig gebraucht, denn sie war mittlerweile schon alt und in grosser Not. Aber von der Österreichischen Nationalbank bekam sie weniger als den zehnten Teil der vom Benziger Verlag an sie überwiesenen Summe, die damals im freien Devisenhandel dafür verrechnet wurde, ausbezahlt. Der Bombenabwurf auf das Antoniushaus in Feldkirch und die Lehrerbildungsanstalt im Oktober 1943 geschah in unmittelbarer Nähe des Wohnhauses der beiden Hensler-Schwestern. Im April 1945 übersiedelten Anna Hensler und ihre Schwester Hedwig von Feldkirch nach Klaus, dem Geburtsort ihres Vaters. Bei der gemeinsamen Feldarbeit sollen sich die beiden auf Französisch unterhalten haben, was in Klaus auf Unverständnis stiess. Anna Hensler publizierte bis knapp vor ihrem Tod. 1949 veröffentlichte sie im vierten Jahrgang der neu gegründeten Zeitschrift Montfort den Beitrag Der erste uns bekannte Vers einer deutschen Frau. Die Sonderstellung, in einer männerdominierten Welt als Frau zu schreiben, war ihr offenbar bewusst. Anna Hensler zählt zweifellos zu den grossen Dichterinnen Vorarlbergs. Sie starb am Ostermontag 14. April 1952 in Klaus. Ihre Schwester Hedwig folgte ihr am 25. Februar 1962 im 81. Lebensjahr im Krankenhaus Valduna Rankweil.
Philipp Schöbi, 1957 geboren in Altstätten, wohnhaft in Feldkirch (A), ist Mathematiker und Mitbegründer der Feldkircher Literaturtage. Er beschäftigt sich mit dem Leben und Wirken der Anna Hensler und publizierte 2018 das Buch Das literarische Feldkirch.
Kontakt: philipp.schoebi(at)aon.at
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Die letzte Ausstellung ist abgebaut, die Vitrinen sind weggestellt, die Exponate wieder aufgeräumt. Der Raum im Museum Fram steht erneut leer, und trotzdem lebt das Archiv, das sich bei uns im Keller befindet, weiter. Denn immer wieder erreichen uns Anfragen aus aller Welt. Erstaunlich, was alles gefragt und gesucht wird.
Der Monsignore
Mit dem Porträt von Papst Pius X. des Malers Giorgio Szoldatits (1873-1955) konnten wir einen Monsignore aus dem Vatikan beglücken. Er stammt aus derselben italienischen Stadt –Treviso – wie Papst Pius X. (1835-1914). Seit über zwanzig Jahren hatte er das originale Ölbild gesucht, das dem Benziger Verlag als Druckvorlage für Bilder diente. Bei seinen Recherchen gelangte er an das Kloster Einsiedeln, das ihn schliesslich an das Museum Fram verwies. Hier befindet sich das Werk noch heute. Wir haben es im Jahr 2017 in der Ausstellung «Benziger. Der Weltverlag im Klosterdorf» gezeigt. Wie glücklich war der Monsignore – und zudem erleichtert, als die Antwort auf Italienisch erfolgte; so müsse er nicht mehr die Schweizergardisten stören, um Mails auf Deutsch zu übersetzen, sagte er. Jedes Mal, wenn wir jetzt im Archiv zufällig etwas über Papst Pius X. finden, wie zum Beispiel die Korrespondenz zwischen Maler und Verlag, kontaktieren wir den Monsignore, und er freut sich immer riesig. Leider hat er Covid-bedingt einen Besuch verschieben müssen. Wer weiss, vielleicht findet er doch noch einmal den Weg nach Einsiedeln.
Die Hexe
Jedes Mal freut man sich, nicht nur den Interessenten zu helfen, sondern auch selbst etwas Neues zu lernen, etwas zu entdecken, sich als Detektiv zu fühlen. Denn tatsächlich sind die Recherchen nicht immer einfach. Oft müssen viele Bücher, Dokumente, Blätter und Bilder gesichtet werden. Auf der Suche nach einer Hexe, zum Beispiel, für eine nette Dame. Diese hatte Ende der 1970er Jahre ihren Kindern immer eine Geschichte aus der Monatszeitschrift «Ehe Familie» des Benziger Verlages vorgelesen. Weil ihre Kinder damals diese Geschichte liebten, wollte sie diese auch ihren Enkelkindern vorlesen. Leider wusste die nette Dame nur noch, dass die Hexe in der Geschichte «Gurriburrli» hiess. Entschlossen, sie zu finden, blätterten wir Jahrgänge um Jahrgänge der Zeitschrift durch, bis das «Häxli Gurriburrli» im Heft Nr. 4 aus dem Jahr 1975 doch noch zum Vorschein kam!! Der korrekte Titel der Erzählung war «Dr Räuber Zwickzwack». Stolz konnten wir die gescannte Seite an die glückliche Grossmutter schicken.
Die kinderreiche Mutter
Immer wieder dienen Bilder oder Dokumente der Sammlung für Publikationen und Forschung. Und immer wieder sitzen Recherchierende bei uns im Atelier und durchforsten Materialien aus unserem Archiv. Sebastian Brändli und seine Schwester Esther Scheidegger fanden bei uns im Archiv die vielen Texte, die ihre Mutter Cécile Brändli-Probst als Autorin in den 1950er und 1960er Jahren in der Zeitschrift «Die Familie» des Benziger Verlages publiziert hatte. Daraus entstand das Buch «Von den Freuden der kinderreichen Familie», das im Februar 2020 als Auswahl von Kurzgeschichten im Limmat Verlag erschienen ist. Seine Erfahrungen mit uns hat Herr Brändli in einem Blog-Beitrag erzählt.
Die Wissenschaftler
Für den Katalog der Ausstellung «Nach der Natur» in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur vom Oktober 2021 bis Januar 2022 kam dem Fotografiehistoriker Martin Gasser eine Illustration aus dem Sammelband «Original-Holzschnitte weltlich für Alte und Neue Welt, etc.» zu Gute. Er war froh, ein bildliches Dokument zu haben, das die Anfänge der Fotografie im 19. Jahrhundert in der Schweiz belegt: Auf dem Holzschnitt ist ein frühes Fotoatelier zu sehen.
Oft werden die Quellen des Archives für Dissertationen aus den verschiedensten Gebieten konsultiert. Dass eine Illustration aus dem Sachbuch «Felszeichnungen in den Alpen» des Benziger Verlages von 1984 für die Urgeschichtsforschung von Interesse ist, haben wir durch eine Anfrage eines Doktoranden der Universität Tübingen erfahren.
Das Namensrätsel
Und manchmal gibt es auch glückliche Verkettungen. So recherchierte ein Landschaftsarchitekt und Doktorand der ETH in Zürich verschiedentlich bei uns in der Fram über die Landschaft um den Sihlsee. Dank verschieden Briefen und Dokumenten konnte er nebenbei eine ein paar Tage zuvor bei uns eingegangene Anfrage aus Einsiedeln zumindest teilweise beantworten. Der Doktorand fand nämlich den Nachnamen eines Künstlers heraus, der bis dato nur als Kürzel bekannt war. Das war ein weiterer Glücksmoment – ganz nach dem Serendipity-Prinzip*! Plötzlich hatte R.W., dessen Sihlsee-Bild in der Zeitschrift «Einsiedler Kalender» von 1901 abgedruckt ist, den Nachnamen Wydler. Er wurde im «Künstler-Copierbuch» Nr.83 aus dem Jahr 1900 von Benziger als «Zeichner» erwähnt. Vielleicht finden wir noch heraus, wie er mit Vornamen hiess.
Erstaunlich ist auch, woher all diese Anfragen kommen: Kürzlich schickten wir die gescannten Seiten eines Musik-Artikels mit dem Titel «Die Kunst der Fuge. Paralipomena zu einer Aufführung» aus der Zeitschrift «Schweizerische Rundschau» aus dem Jahr 1928 nach Spanien, zwei gescannte Benziger-Kataloge nach Österreich und eine Reproduktion einer Chromolithografie ins Tessin.
Der Seppli
Über spontane Besuche können wir uns auch immer wieder freuen. Zehn Minuten nach dem Telefonat stand eine sympathische Nostalgikerin aus Einsiedeln an der Tür, mit dem Wunsch das Gedichtlein «vom Seppli, wo wott go Fischli fange», das sie als Kind in der dritten Klasse so grossartig fand, wieder einmal zu lesen. So gingen wir zusammen ins Depot, um auf gut Glück das Schulbuch der dritten Klasse zu finden. Zum Glück erkannte unsere Besucherin relativ schnell das Titelbild des Buches, das der Benziger Verlag im Jahr 1939 herausgab. Erinnerungen wurden wieder lebendig!
Leider finden wir nicht bei allen Anfragen das Gesuchte. Doch offengebliebene Recherchen werden notiert. Und weil die Sammlung fortlaufend weiter inventarisiert wird, kommen auch immer mehr spannende Geschichten ans Licht.
Die Sammlung steht allen Interessierten offen. Scans und Reproduktionen von Text- und Bildmaterial stellen wir gegen eine faire Aufwandentschädigung gerne zur Verfügung. Ausleihe sind nur im Rahmen eines musealen Leihverkehrs möglich. Nach Vereinbarung können die gewünschten Dokumente vor Ort eingesehen werden.
Bei Fragen und für Termine schreiben Sie uns eine E-Mail an: archiv@fram-einsiedeln.ch
* Englisch serendipity, Deutsch Serendipität, laut Duden: (Prinzip der) Zufälligkeit einer ursprünglich nicht angestrebten, aber bedeutenden Entdeckung; auch die zufällige Entdeckung selbst.
«Der doppelte Matthias und seine Töchter»
Im Zürcher Chronos Verlag ist 2021 der Roman «Der doppelte Matthias und seine Töchter» von Meinrad Lienert neu herausgekommen. Es handelt sich um den 57. Band in der Reihe «Schweizer Texte» mit einem Nachwort des Germanisten Lukas Künzler sowie Angaben zu Leben und Werk des Einsiedler Schriftstellers.
Meinrad Lienert veröffentlichte den Roman 1929 im Alter von 64 Jahren, nachdem er sich mit seinen Gedichten und Erzählungen oder den «Schweizer Sagen und Heldengeschichten» längst einen Namen gemacht hatte.
Lukas Künzler bezeichnet den Roman in seinem Nachwort als «Brautschaugeschichte unter umgekehrten Geschlechtervorzeichen». Die fünf eigenwilligen Töchter «wehren nicht nur schmalbrüstige Verehrer ab, sondern mit vereinten Kräften auch andere Eindringlinge, die es wagen, die Marken des Ruschegghofes zu übertreten», finden dann aber doch – und sei es dank eines Kuhhandels wie bei Judith – ihren Mann fürs Leben.
Eigenwillig ist auch ihr verwitweter Vater Matthias Stump. Der Herausgeber erkennt in dieser Figur Parallelen zu Meinrad Lienert, der sich «als Liberaler im konservativen Einsiedeln bisweilen ausgegrenzt» vorgekommen sei und vielleicht deshalb ein «Feingefühl für die Kehr- und Schattenseiten der menschlichen Existenz» entwickelt habe.

«Plangliedli, Lanzigliedli, Herbstliedli, Heiwehliedli»
Nicht weniger als 500 Gedichte von Meinrad Lienert wurden von Komponisten und Komponistinnen im Lauf der Jahrzehnte vertont. Die Sopranistin Sybille Diethelm und Fabienne Romer am Klavier haben während des ersten Corona-Lockdowns 30 solcher Kunstlieder im Studio aufgenommen und sie unter dem Titel «Plangliedli, Lanzigliedli, Herbstliedli, Heiwehliedli» herausgebracht. Die CD kann bei uns im Museum, das über eine umfangreiche Meinrad Lienert-Sammlung verfügt, gekauft werden.
Dani Meienberg
Die Stiftung Kulturerbe Einsiedeln hat im September 2020 den Nachlass des Verkehrsvereins Einsiedeln (VVE) erhalten. Unterdessen konnte dieser aufgearbeitet und katalogisiert werden. Dani Meienberg hat einen roten Faden in die Fülle der unterschiedlichen Archivalien gebracht.
Zum 125-jährigen Bestehen des VVE (1881–2006) verfasste Gerhard Oswald, damals Chefredaktor des Einsiedler Anzeigers, eine Festschrift mit dem etwas kryptischen Titel «Die Vergangenheit der Zukunft», in der er viele Themen rund um den VVE aus der Tiefe des Archivs ans Tageslicht brachte.
Als ich mit meiner Arbeit begann, bestand der Nachlass des VVE aus drei grösseren Kartonschachteln, gefüllt mit Schnellheftern, Ordnern, Plastikmäppchen, daneben gebundenen Protokoll-Büchern und anderen Archivalien, in denen die Geschichte des VVE lagerte, sowie einigen Schachteln mit Restexemplaren von Oswalds Festschrift. Mit dem Buch hatte ich einen ersten Ansatzpunkt, einen roten Faden, mit dem ich eine vorläufige Ordnung in den Nachlass bringen konnte. Diese konnte ich in verschiedenen Durchgängen immer weiter verfeinern, sodass am Schluss folgende Archivordnung vorhanden war: Administratives, Archivalien mit Bezugspunkt Einsiedeln, solche zur Lokalgeschichte Einsiedeln, weitere zur Standortförderung Einsiedeln und schliesslich Archivalien mit Bezügen zur Wallfahrt und zum Kloster.
«Einsiedler sind Krämer und Händler»: Linus Birchler (1893-1967) über Einsiedeln
Krämer und Händler seien die Einsiedler, mit einem ganz eigenen Gemüt, meinte Linus Birchler. Von ihm, der im Nachlass des VVE stark vertreten ist, erscheint das Bild eines sehr umtriebigen Menschen, der stets mit seiner Heimat verbunden war. Sein grosses Netzwerk und seine vielfältigen Interessen zeigen sich in ganz vielen Projekten, die er entweder selber initiierte oder als Mitstreiter begleitete: Seien es der Bau der Jugendkirche Einsiedeln in den 1920er bis 1940er-Jahren, die 400-Jahr-Todesfeier von Paracelsus 1941 oder 1942 die Gründung der Schweizerischen Paracelsus-Gesellschaft, die mit so illustren Mitgliedern wie C.G. Jung auftrumpfen konnte.
Einsiedeln strahlt in die Welt hinaus
Auffallend bei vielen Dokumenten im Nachlass ist die Ausstrahlung, die Einsiedeln im 20. Jahrhundert weit über die Schweiz hinaus hatte. Es befinden sich Zeitungsauschnitte aus verschiedenen Emigranten-Zeitungen aus Amerika, die über den Bau des Sihlsees berichten oder über die Aufführungen des Welttheaters vor der imposanten Kulisse des Klosters.
Man liest von Spannungen in Einsiedeln in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, über die sogenannte «Gnädinger-Affäre», bei der der deutsche Hotelier des Freihofs seine Begeisterung für den Nationalsozialismus offen auslebte und dabei eine Menge Zwietracht säte, daneben beste Beziehungen nach Deutschland pflegte, wodurch er erfolgreich die Werbetrommel für Einsiedeln und das entstehende Etzelwerk rühren konnte. In der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden die Hilfeleistungen für befreundete Wallfahrts-Organisatoren in Süddeutschland beschrieben.
Ab den 1950er-Jahren wurden die grossen Pilgerzüge schleichend vom Individualverkehr abgelöst, was wiederum neue Probleme mit sich brachte: Die Pilger waren nun zunehmend Tagestouristen und blieben nicht mehr so lange in Einsiedeln wie ehedem, was folglich auch die Hotels und Restaurants zu spüren bekamen.
Mekka des Langlaufsports
Ein grosser wirtschaftlicher Faktor wurde dafür der Wintersport. Im Schlepptau grosser Erfolge von sportlichen Aushängeschildern – man denke an die Langlauf-Silbermedaille von Wisel Kälin an den olympischen Winterspielen 1968 in Grenoble – nahmen grössere Projekte ihren Anfang: Die Langlauf-Loipe «Schwedentritt» beispielsweise besteht seit Anfang der 1970er-Jahre. Einsiedeln war auch Teil der Zürcher Bewerbung für die olympischen Winterspiele 1976, die schliesslich an Innsbruck vergeben wurden. Das Skigebiet im Hoch-Ybrig war damals im Aufbau begriffen, und wäre Stätte für die nordischen Disziplinen gewesen.
Der Besuch des Papstes glückt im zweiten Anlauf
Einen grossen Raum in den Unterlagen nimmt der Besuch von Johannes Paul II. ein, der für 1981 geplant gewesen war, aufgrund des Attentats auf den Papst am 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz in Rom aber erst 1984 zustande kam. Akribisch lässt sich die gesamte Organisation des Besuchs nachvollziehen – und im Gästebuch die Originalunterschrift des Papstes bewundern.
In der Nachberichterstattung des Besuchs erfährt man einiges über die erfolgreiche Organisation des Anlasses. Abgesehen von der Aussage eines Journalisten, der sich über seine Beherbergung im «weit entfernten» Euthal beschwert hatte und von «Korruption» bei der Zimmerverteilung sprach, ist nichts Negatives über den Besuch in den Archivalien zu finden.
Eine japanische Delegation in Willerzell und ein Samurai-Helm
Dieser Samurai-Helm ist wahrscheinlich das auffälligste Stück im Nachlass. Er ist mit ziemlicher Sicherheit ein Replikat und wohl das Geschenk einer japanischen Delegation, die im Mai 1987 in Einsiedeln weilte. Zumindest führte das Verkehrsbüro am 14. Mai 1987 unzählige Telefonate, um gemäss Auskunft von Landschreiber Patrick Schönbächler einer japanischen Versicherungsgesellschaft die Bewilligung für einen Filmdreh auf dem Willerzeller Viadukt zu beschaffen.
Wo sind die Protokoll-Bücher der Jahre 1945–1960?
Diese Frage stellte sich auch schon Max Fuchs, ehemaliger Präsident des VVE, im Juli 2008. Bei der Aufarbeitung des Nachlasses konnte ich diese Frage nicht lösen. Vielleicht liegen sie unerkannt irgendwo in einer Schublade?
Am Ende werden immer mehr Fragen aufgeworfen, als beantwortet werden können. Dies liegt in der Natur der Sache und macht die Aufarbeitung eines Nachlasses spannend. So gibt es auch im Nachlass des Verkehrsvereins Einsiedeln noch viele lose Enden, die aufgenommen werden könnten.
Dani Meienberg aus Einsiedeln studierte Germanistik und Geschichte in Zürich und arbeitet heute als Online Manager an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Einsiedeln und seiner Geschichte blieb er auf vielfältige Weise stets verbunden. Für das Museum Fram bearbeitete er den Nachlass des Verkehrsvereins.











































