Fram-Blog

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15. September 2023
Upcycling alter Kinderbücher – Eine Liebeserklärung an die Wombels

Als der Benziger Verlag im Jahr 1974 die Geschichten von den Wombels von Käthe Recheis (1928-2015) zum ersten Mal aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen liess, ahnte er wohl noch nicht, dass die Umweltbotschaft dieser Kinderfiguren auch heute noch aktuell sein würde. Vor allem im Hinblick auf das Littering und die damit verbundenen Probleme für die Umwelt. Denn Wombels sind lustige, spitznasige, teddybärenähnliche Wesen, die in Höhlen leben und täglich den Abfall einsammeln, den die Menschen hinterlassen. Aus allem, was sie finden, machen sie etwas Neues. Ihr Ziel ist es, die Natur zu schützen.

Die Autorin Elisabeth Beresford (1926-2010) erfand die Wombels, als sie bei einem Weihnachtsspaziergang im Londoner Wimbledon Common Park auf viel Müll stiess. Zu Hause bastelte sie mit ihren Kindern aus den Weihnachtsverpackungen die Figuren und schrieb die Geschichten dazu. Der Name «Womble» soll aus einem Versprecher eines ihrer Kinder entstanden sein, das «Wimbledon» fälschlicherweise als «Wombledon» aussprach. Das erste Buch über die Wombels erschien im Jahr 1968. Der Erfolg war so gross, dass die Wombels mehrere Male verfilmt wurden und heute sogar über eine eigene Website verfügen, mit der sie die verschiedenen Umweltkampagnen in Grossbritannien unterstützen.

In diesem Frühjahr hat sich Herr Marc Buchtmann bei uns gemeldet, um zu erfahren, ob wir in unserem Archiv Unterlagen über die Entstehung der Bücher haben, denn er hat aus seiner kindlichen Liebe zu den Wombels heraus zusammen mit einer Freundin Hörbücher zu diesen Geschichten produziert. Wie er dazu gekommen ist, hat er uns in einem persönlichen Bericht erzählt:

«Ehrlich gesagt – eigentlich kann ich mich gar nicht wirklich erinnern, wieso oder wodurch ich auf die Wombels aufmerksam wurde. Ich stand als Schüler einfach in der Schulbücherei vor einem der unzähligen Regale und zog das Buch heraus. Das Buch mit Grossonkel Bulgarien, Tobermory, Tomsk, Madame Cholet, Orinoco und natürlich Bungo. Von denen ich bis dato noch nie etwas gehört hatte. Ich ahnte ganz und gar nicht, eine lange Geschichte mit nach Hause zu nehmen.

Die Wombels sind da fesselte mich von der ersten bis zur letzten Seite. Die Autorin Elisabeth Beresford versteht es, Kinder mit ihren Geschichten in eine Art reale Traumwelt zu entführen. Dabei vermittelt sie wichtige Themen wie Umweltbewusstsein, Gemeinschaft und Ehrlichkeit auf so nette und lustige Weise, dass sich Jugendliche und Erwachsene sicher ebenfalls angesprochen fühlen. Auch wenn sie es nicht zugeben – wollen.

Mehrfach entlieh ich mir das Buch. Bis die Bücherei es eines Tages auf dem «Ramschtisch» für 50 Pfennig Kaufpreis aussortierte. Entschlossen kaufte ich meine alte Kinderliebe und wollte mich zudem – inzwischen als junger Erwachsener – mehr mit der Geschichte der Wombels beschäftigen. Damals – es gab ja noch kein Internet – fand ich nur heraus, dass es ein zweites Buch mit dem Titel Geschichten von den Wombels gab. Und dieses Buch enttäuschte mich sehr. Viele der bekannten Charaktere aus dem ersten Buch hatten plötzlich andere Namen. So heisst Tobermory zum Beispiel Trinidad und Madame Cholet nun Madame Paris. Das geht gar nicht! Und machte das Buch und eventuelle weitere für mich uninteressant. So kramte ich von Zeit zu Zeit das erste Buch aus dem Schrank, um in Erinnerungen zu schwelgen.

Der nächste Teil der Geschichte entstand genauso zufällig wie der Anfang. Im Zeitalter von Hörbüchern spukte mir die Idee im Kopf herum, auch aus dem Buch der Wombels ein solches zu machen. Irgendwann sprach ich mit einer Freundin darüber. «Machen wir! Ich lese, und du, Tobermory» grinste sie, «machst die Technik.» Wir trafen uns nachmittags, um das Buch einzulesen und das Hörbuch zu erstellen. Das Ergebnis begeisterte uns so sehr, dass wir gleich mit dem zweiten Buch weiter machten. «Und die falschen Namen», sagte meine Freundin, «die tauschen wir einfach gegen die richtigen aus. So, wie sie im englischen Original sind.»

Inzwischen haben wir alle vier Bücher der deutschen Übersetzung als Hörbuch gelesen und hübsch zurecht gemacht. Technisch sicherlich überholt, aber von der Thematik mindestens noch genau so aktuell wie zum Erscheinungszeitpunkt, könnten wir uns eine Neuauflage der knuffigen Wombels sehr gut vorstellen. Vielleicht findet sich ein Verlag, der Interesse an unseren Hörbüchern hat? Bis dahin freuen wir uns über jeden, der an den Hörbüchern Gefallen findet.»

 

Die Hörbücher kann man als CDs bei Herrn Marc Buchtmann bestellen: m.buchtmann@t-online.de

 

17. Dezember 2020
Wie der reformierte Pfarrerssohn Friedrich Dürrenmatt zum katholischen Benziger Verlag kam

Wer am 15. Dezember 1950 den «Schweizerischen Beobachter» aufschlug, konnte Folgendes lesen: «Der Beobachter hat dem jungen Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt, dessen Stücke in Zürich und Basel starke Beachtung gefunden haben und der zu grossen Hoffnungen berechtigt, den Auftrag gegeben, einen schweizerischen Kriminalroman zu schreiben.» Wie heute noch, kam der «Beobachter» alle vierzehn Tage heraus, und «Der Richter und sein Henker» erschien in Fortsetzungen. Einfach sei die Zusammenarbeit mit dem eher chaotischen Dürrenmatt nicht gewesen. Der Kulturredaktor der Zeitschrift sei mehr als einmal nach Ligerz am Bielersee gepilgert, um die weiteren Kapitel abzuholen. Auch beim Krimi «Der Verdacht», den Dürrenmatt ein Jahr später für den «Beobachter» schrieb, tat er sich nicht leicht mit diesem Auftrag: «Hier die versprochenen Kapitel. Ich kam diese Woche wieder nicht recht zur Arbeit. Die Krankheit meiner Frau, die überdies noch erwartet, zwang mich die Tätigkeit einer Hausfrau zu übernehmen, endlich ist Hilfe gekommen, und nun kann ich die Mord-und-Totschlag-Geschichte weiterspinnen.»

Schreiben zum Lebensunterhalt

Ende der 40er-Jahre war Dürrenmatt bereits mit Stücken wie «Es steht geschrieben» oder «Romulus der Grosse» auf den Theaterbühnen präsent. Um Geld zu verdienen schrieb er aber auch Hörspiele fürs Radio, Drehbücher für den Film, Texte für das legendäre «Cabaret Cornichon» und Theaterkritiken für die «Weltwoche». Er habe sich mehr verzetteln müssen als heute, erinnerte er sich 1973 in einem Gespräch. Und mit Blick auf alle diese Arbeiten meinte er: «Was für herrliche Ideen einem einfallen, wenn man Geld braucht!»

Die Tatsache, dass ein Kriminalroman, der später weltberühmt wurde, ursprünglich in einer Zeitschrift als Fortsetzungsroman erschienen war, würdigt der emeritierte Literaturprofessor Peter von Matt in seinem Buch «Die tintenblauen Eidgenossen» 50 Jahre später so: «Der Erzähler Dürrenmatt begann als Volksschriftsteller, in einer Zeitschrift, einem Heftli. Mit dessen Verbreitung verglichen, waren die ersten Theateraufführungen zahlenmässig eine Randerscheinung. Der ‘Beobachter’ lag damals auf jedem Familientisch. Weder Max Frisch noch Robert Walser hätten je für ein Heftli geschrieben, Friedrich Glauser schon. Die Heftli waren sogar Glausers eigentliches Medium.»

Der Dichter in wilden Wehen

Der «Beobachter» bot Dürrenmatt für seinen ersten Krimi 3000 Franken. Dies hat die Zeitschrift vor 18 Jahren geschrieben, als sie an den Abdruck des Romans erinnerte. Der Autor selber sagte in einem Gespräch 1977, er habe für «Der Richter und sein Henker» nur 1000 Franken bekommen, für «Der Verdacht» dann das Doppelte. Für diesen zweiten Krimi entschied sich der «Beobachter», weil der erste bei den Leserinnen und Lesern «lebhaften Applaus» ausgelöst habe. Auch den zweiten Fortsetzungsroman schrieb Dürrenmatt unter erschwerten Bedingungen. Ein Brief an den Arche Verlag zeugt davon:

«Da es mir den ganzen Sommer über reichlich schlecht ging, bis ich endlich mit einem wunderschönen Koma ins Spital eingeliefert wurde und nun fleissig Insulin spritze, mich im übrigen über meine Tochter freue, die mir gleichzeitig meine Frau geboren; da ich des weiteren ohne einen Rappen Geld und mit vielen ungeduldigen Verlegern dasitze, die sich mit Recht über mich sehr ärgern, oder besser über meinen armseligen Geist, der langsam wie eine Kröte arbeitet, so dass nicht einmal der Roman im ‚Beobachter’ fertig gestellt werden konnte – da dies nun einmal so ist, entschuldigen Sie, lieber Herr Schifferli, dass Sie warten mussten und nehmen Sie die jämmerlichen Fragmente in Empfang, mit denen ich mich dieses Jahr herumschlug, in der Absicht, Werke zu gebären: Es waren wilde Wehen. Herzlichst Dürrenmatt.»

Der Coup des Benziger Verlags

Peter Schifferli war der Verleger des 1944 gegründeten Arche Verlags, in dem von Dürrenmatt 1952 der Erzählband «Die Stadt» erschien. Er hätte damals auch die beiden Heftli-Romane herausgeben können. Am Schluss des vorher zitierten Briefes fügte Dürrenmatt nämlich ein wichtiges PS an: «Benziger interessiert sich auch für die Beobachterromane, aber Sie haben selbstverständlich das Vorfahrtsrecht.» Dieses «Vorfahrtsrecht» nahm der Verleger nicht in Anspruch und überliess die finanziell erfolgreichsten Bücher Dürrenmatts dem Benziger Verlag. Diesen führte damals Gustav Keckeis, der Vater des Lektors und späteren Verlagsleiters Peter Keckeis.  Mögliche Erklärungen für den Verzicht des Arche Verlags liefert Ulrich Weber in seiner kürzlich bei Diogenes erschienenen Dürrenmatt-Biografie: «Dass Schifferli nicht in der Lage gewesen sei, ihm einen Vorschuss dafür zu zahlen, den er dringend benötigt habe (wie sich Dürrenmatt 1973 erinnert), ist wohl nur die halbe Wahrheit – die andere Hälfte, dass Schifferli damals nicht viel vom Genre des Kriminalromans hielt, das kaum literarisches Prestige vermittelte.»

Peter von Matt teilt diese Sicht der Dinge: «Es scheint, dass die Verlage nicht viel auf den Roman des neuen Heftli-Schreibers Friedrich Dürrenmatt gaben. Die Buchausgabe erschien erst zwei Jahre später – 1952 – bei Benziger in Einsiedeln. Was auch merkwürdig war – der monumentale Protestant in dem sehr katholischen Verlag. Von den zwei Einsiedler Jünglingen Daniel Keel und Rudolf Bettschart wusste Dürrenmatt damals noch nichts. Er konnte nicht ahnen, dass sie ihn als Diogenes-Verleger Jahrzehnte später aus der schwersten Schaffenskrise seines Lebens retten und ins literarische Rampenlicht zurückholen würden.»

Der Erfolg bleibt in der Familie

Die Gesamtauflage der Beobachter-Krimis umfasst inzwischen mehr als 6 Millionen Exemplare weltweit. Seit 1978 sind die Rechte beim Diogenes Verlag. Ruedi Bettschart hat sie damals seinem Cousin Oscar Bettschart, Direktor des Benziger Verlags, abgekauft – mit einer «verhandlungstechnischen Glanzleistung», wie es in der Verlagschronik des Diogenes Verlags heisst. Ein Jahr später wechselte Dürrenmatt mit all seinen – auch den noch nicht geschriebenen – Werken zu Diogenes. «Wotsch du mi?», fragte er Daniel Keel, den andern der beiden «Einsiedler Jünglinge», und dieser wollte.

«Der Richter und sein Henker» wurde mehrfach verfilmt und ist in vielen Schulen Pflichtstoff. Dürrenmatt hat das offenbar nicht nur als angenehm empfunden. 1985 klagte er in einem Gespräch mit dem Literaturkenner und Journalisten Fritz J. Raddatz: «Ich habe immer das Gefühl, ‘falsch’ berühmt zu sein – durch den ‘Richter und sein Henker’, durch die ‘Alte Dame’, durch ‘Die Physiker’ –, dass das, was ich sonst geschrieben habe, nicht zählt, und darunter gibt es Stücke und Prosa, die ich für wichtiger und besser halte als meine Evergreens.»

 

24. August 2020
Copy-Paste im 19. Jahrhundert
Kopierbücher und Kopierpraxis des Benziger Verlags um 1870 – Gastbeitrag von archivaria

Zusammen mit der Firma archivaria startet das Museum Fram dieses Jahr ein Pilotprojekt mit dem Ziel, die Briefe und Register der Kopierbücher des Benziger Verlags inhaltlich zu erschliessen. Dieser Blogbeitrag von Linus Ruegge und Julia Müller entstand nach ersten spannenden Recherchen.

Bilder, Bilder, Bilder. Wer von einer Bilderflut spricht, denkt wohl an die unsrige, die digitale Zeit. In gewisser Weise waren aber auch schon die Benziger Verleger des 19. Jahrhunderts mit dem Phänomen vertraut. Für die Produktion von Andachtsbildern, Kalendern, Büchern und insbesondere auch des hauseigenen katholischen Unterhaltungs- und Familienblattes «Alte und Neue Welt» brauchten sie schliesslich genau das: Bilder.

Um den wachsenden Bedarf an ansprechenden und aussagekräftigen Illustrationen abzudecken, unterhielt der Verlag ein grosses Netzwerk an Künstlern und Kunsthandwerkern in ganz Europa: Maler, Fotografen, Kupferstecher, Xylo- und Lithografen sowie viele weitere Spezialisten – die männliche Form ist hier korrekt – trugen ihren Teil bei zur katholischen Bilderwelt des Einsiedler Verlags.

Mit ihren Auftragnehmern standen die Benzigers in einem bisweilen regen Briefwechsel, der zumindest teilweise erhalten ist: Von der ausgehenden Korrespondenz hielt das Verlagshaus nämlich einen «Abklatsch» in so genannten Kopierbüchern fest (Abb. 1). Diese Kopierbücher befinden sich heute im Archiv des Museums FRAM und waren Gegenstand eines Pilotprojekts: Im Frühjahr und Sommer 2020 wurden die Register von sechs Kopierbüchern aus der Zeit von 1868 bis 1881 sowie gut 70 Briefe von bekannten Künstlern wie Melchior Paul von Deschwanden oder Carl Offterdinger transkribiert.

Die Register und Briefe zeigen auf, wie der Einsiedler Verlag sein Netzwerk pflegte und stetig erweiterte; und sie erlauben spannende Einblicke in die Produktionsbedingungen der Benziger Bilderwelt. An den Stuttgarter Maler Carl Offterdinger schrieben die Verleger etwa im März 1870, sie bräuchten für die «Alte und Neue Welt» viele Holzschnitte, aber bitte etwas billigere, technisch weniger vollendete. Ein Affront für den arrivierten Offterdinger, dessen Märchenillustrationen noch heute bekannt sind? Keineswegs. Vielmehr entsprach dieses Vorgehen einem eingespielten modus operandi zwischen Benzigers und ihren Künstlern. Die Verleger bestellten Bilder mit teilweise sehr spezifischen Vorstellungen und gaben klare Leitlinien vor, was die Motive anbelangte. Nicht selten lieferten sie auch gleich eine Vorlage mit.

So schickten die Benzigers das Bild eines Eisenbahn-Speisewagens (Abb. 2) nach Stuttgart, das sie in einer amerikanischen Illustrierten gefunden hatten. Sie baten Offterdinger, dieses zu kopieren, aber auch entscheidend abzuändern: «Wir haben vorn an dem Tisch noch ein Mädchen mit langen Haaren angebracht; Statt des Zeitunglesenden Amerikaners wollen Sie möglichst ausdrücklich die Physiognomie eines Juden anbringen. Der aufwartende Neger etwas deutlich, allenfalls etwas weiter vor nehmen. Im Uebrigen halten Sie sich an die amerikanische Zeitung.» (Abb. 3) Wie der im Archiv des Museums erhaltene Holzschnitt zeigt, hielt sich Offterdinger genau an die Anweisungen (Abb. 4).

«Neger», «Juden», «Wilde» und «Trapper», das waren die Figuren, welche die Leserinnen und Leser der «Alten und Neuen Welt» faszinierten, und die vom Benziger Verlag bei seinen Künstlern bestellt wurden. Dabei musste nicht alles neu erfunden werden. Ansprechende Illustrationen aus anderen Zeitschriften wurden in einer analogen Variante des Copy-Paste übernommen und auf die Bedürfnisse der Kundschaft hin zugeschnitten; verschiedene Vorlagen zu neuen «Originalen» vermengt.

Ganz in dieser Manier gaben die Benzigers bei Offterdinger ein weiteres Bild mit Amerikamotiv in Auftrag: Für die Komposition «Abfahrt eines Eisenbahnzuges in Chicago nach Californien» schickten sie zwei Vorlagen und wiederum klare Instruktionen mit. «Statt der beiden amerikanischen Knaben sollen ein paar Negerjungen den Wilden ansehen. Auf dem Bilde II ist ein solcher Negerjunge zu sehen, deßen Costüm beizubehalten wäre.» (Abb. 5) Interessanterweise sind von dieser Illustration sowohl beide Ausgangsbilder (Abb. 6. und 7.) sowie das Endresultat von Offterdinger überliefert (Abb. 8). Finden Sie weitere Unterschiede?

Linus Ruegge und Julia Müller

 

Karte des Netzwerks des Benziger Verlages um 1870: Jede Markierung entspricht einem Ort, an welchen der Benziger Verlag zwischen dem 15. Dezember 1868 und dem 23. September 1870 einen Brief versandt hat. Leider ist es nicht möglich, mehrere Empfänger an einem Ort auf der Karte darzustellen und zu zeigen, wo die Schwerpunkte dieses Geschäftsnetzes lagen: Es waren grosse Städte wie Frankfurt oder München und nicht etwa Luzern oder Zürich, in welche der Einsiedler Verlag die intensivsten Beziehungen pflegte.

 

4. Juni 2020
Von den Freuden der kinderreichen Familie
Gastbeitrag von Sebastian Brändli

Auf den Spuren ihrer Mutter Cécile Brändli-Probst gelangten Sebastian Brändli und seine Schwester Esther Scheidegger an unser Archiv und fanden hier die vielen Texte, die sie einst in der Zeitschrift «Die Familie» des Benziger Verlages in den 1950er und 1960er Jahren publiziert hatte. Das Ergebnis ist das Buch «Von den Freuden der kinderreichen Familie», das im Februar 2020 als Auswahl von Kurzgeschichten im Limmat Verlag erschienen ist.

In einem persönlichen Rückblick erinnert sich Sebastian Brändli an seine Mutter und die Verbindung der Familie zu Einsiedeln:

Eine Familie mit neun Kindern mitten im Zürich der 1960er Jahre! Die Mutter der neun Kinder – Cécile Brändli, geborene Probst – hatte 1945 ihren Ehemann, Emil Rudolf Brändli, einen Mathematiker ETH, geheiratet. Die Kinder kamen zwischen 1946 und 1963 zur Welt. Im Jahre 2008 starb Cécile nach einer Phase schwerer Demenz.

Cécile Brändli-Probst war meine Mutter. 1919 in Baden als Cäcilia geboren, wuchs sie in Dietikon ZH auf. Dort betrieb ihre Mutter, unsere Grossmutter Anna, den «Konsum», den Lebensmittelladen an der Bergstrasse. Der  Vater waltete als Zahlmeister (heute wäre das der Finanzchef) der Weberei in der Damsau an der Limmat (Gemeinde Neuenhof). Cécile war die Älteste von fünf Geschwistern. Sie wäre gerne Lehrerin geworden, doch musste sie wegen des frühen Todes ihrer Mutter die Ausbildung in Menzingen ZG abbrechen.

Selbstverständlich wurde unsere Mutter mit jeder Geburt noch etwas mehr Mutter. Was wäre ihr anderes übrig geblieben? Doch vom Ziel einer ausserhalb der Familie berufstätigen Frau, die sie mit den Berufszielen Primarlehrerin oder Journalistin verband, blieb zeitlebens, dass Cécile der Sprache und dem Schreiben verbunden war. So kann erklärt werden, dass die vielbeschäftigte Mutter und Leiterin eines grossen Haushalts sich noch Zeit für das Schreiben von Artikeln abstehlen konnte. Es gelang nämlich der Schriftleiterin der «Familie», der Familienzeitschrift des Benziger Verlages, sie für zahlreiche Berichte und Kurzgeschichten aus dem Familienleben der katholischen Grossfamilie zu gewinnen. In den Jahren zwischen 1953 und 1964 entstanden so über 150 Texte, die aus Anlass ihres 100jährigen Geburtstages zu Teilen im Limmat Verlag nochmals herausgegeben wurden. Titel: Von den Freuden der kinderreichen Familie.

Mit Einsiedeln war die Zürcher Grossfamilie neben dem Benziger Verlag auch durch gute Freunde der Eltern verbunden. So war der legendäre Apotheker Alois Bettschart von der Engel-Apotheke ein guter Freund unseres Vaters. Es ist wohl auf Alois zurückzuführen, dass auch wir Kinder fast alle Grasberge der Innerschweiz in zahllosen Bergtouren erklommen hatten. Auch wussten wir über die Frauen- und die Silbermänteli bestens Bescheid, für die der Botaniker Bettschart seine Bergkollegen bei Alpbesuch und Bergbesteigung begeistert hatte. Dank Bettschart gelang es uns auch, anfangs der 1960er Jahre mit fast der ganzen Familie eine Aufführung des Einsiedler Welttheaters zu besuchen: ein bleibendes Erlebnis! Wir hatten dank Alois ausgezeichnete Plätze, doch für mich, den kleinen Jungen, blieb die Handlung des Stücks leider unverständlich – jedenfalls kann ich mich vor allem an die abendliche Stimmung und die starke Szenographie auf dem Platz erinnern. Neben Alois bildeten auch Einsiedler Freundinnen der Mutter Verbindungen zum Klosterdorf. Zu erwähnen ist zudem, dass Linus Birchler, der Einsiedler Kunsthistoriker, in diesem Sinne wirkte, war er doch ein verehrter Lehrer unseres Vaters am Poly. Wir hatten schnell gelernt, dass Einsiedeln gleich Barock ist – auch wenn uns die schwarze Madonna wohl noch mehr Eindruck gemacht hatte.

Einsiedeln war schliesslich ein wichtiger Ort für uns Herausgeber der Texte unserer Mutter. Im Fram fanden wir alle Ausgaben der «Familie», und konnten so unsere Artikel-Sammlung vervollständigen. Und gleichzeitig auch den Charme des Klosterdorfes ein weiteres Mal geniessen! Das gerettete Benziger-Archiv ist ein Schatz! Vielen Dank für die gute Betreuung!

 

Sebastian Brändli, *1955, promovierter Historiker UZH, bis Mai 2020 Amtschef Zürcher Hochschulamt. Zahlreiche Publikationen.

 

Cécile Brändli-Probst

Von den Freuden der kinderreichen Familie

Herausgegeben von Esther Scheidegger, Kristov Brändli, Sebastian Brändli / Mit einem Geleitwort von Judith Stamm, 144 Seiten, Klappenbroschur, Fotos. Februar 2020. SFr. 26.–, 26.– €

 

Sie veranschaulichen, erläutern und heben Inhalte hervor. Sie helfen, Zusammenhänge zu verstehen, oder dienen schlicht der Unterhaltung: Illustrationen funktionieren in Verbindung mit geschriebenen Worten oder für sich selbst.

Doch was uns heute selbstverständlich scheint, dass wir nämlich überall Illustrationen antreffen, hat sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt. In den 1830er Jahren entstanden in vielen europäischen Ländern mit den sogenannten «Pfennig-Magazinen» Wochen- und Unterhaltungsblätter. Deren Erfolg war enorm.

Auch der Benziger Verlag aus Einsiedeln gab bebilderte, für die Zeit sehr moderne Blätter heraus. Die Zeitschriften «Einsiedler Kalender» und «Der Pilger», die bei Benziger neben Büchern und Bildern ab den 1840er Jahren erschienen, waren typische Produkte der Zeit. Die Familienzeitschrift «Alte und Neue Welt» (1866-1945), die als bewusste katholische Publikation erschien, warb im Untertitel mit der Visualisierung ihrer Wissensangebote und hiess «Illustriertes katholisches Familienblatt». Die Illustrationen waren dabei ein wichtiger Teil des Programmes.

Die Verbreitung der Illustration in diesen Zeitschriften ist auch einer Weiterentwicklung der Druckverfahren zu verdanken, welche die Anzahl Arbeitsschritte verringerte und half, Zeit und Kosten zu sparen. Ursprünglich wurden jeweils der Text in einem Hoch-, die Illustrationen jedoch in einem Tiefdruckverfahren (z.B. Kupferstich) gedruckt. Beim Hochdruckverfahren stehen die zu druckenden Bereiche vor. Beim Tiefdruckverfahren ist es umgekehrt: die zu druckenden Bereiche werden beispielsweise in eine Kupferplatte eingeritzt.

Das änderte sich mit der Erfindung der Holzstich-Technik, einer Weiterentwicklung des Holzschnitts. Der Holzstich, bei dem eine Hartholzplatte eingraviert wird, erlaubte haarfeine Zeichnungen ähnlich dem Kupferstich. Im Gegensatz zu Letzterem handelte es sich aber um ein Hochdruckverfahren: Weisse Bereiche entfernt man, die zu druckenden Linien lässt man stehen. Dieser Umstand erlaubte es nun, die Illustrationen und den Text in einem Arbeitsgang zu drucken.

In der Praxis wurden allerdings meist nicht die Holzstiche selber als Druckstock genutzt, sondern sogenannte Klischees. Der Fachbegriff Klischee geht auf das französische Cliché zurück und steht für die Erstellung immer gleicher Kopien einer Vorlage. So sind Klischees in Schriftmetall (meistens Zink oder Kupfer) gegossene Nachbildungen der Original-Holzstich-Druckplatte und – ein grosser Vorteil – schnellpressentauglich.

Der Benziger Verlag archivierte seine Illustrationen in grossen Sammelbänden. Gedruckt, ausgeschnitten und nebeneinander aufgeklebt veranschaulichen sie eine grosse Bandbreite von Themen. Darstellungen aus dem Familienleben stehen neben allegorischen Bildern oder Motiven aus der Länder- und Völkerkunde, Landschaften, Szenen aus dem katholischen Alltag, Städteansichten und Erfindungen. Bischöfe gesellen sich zu Indianern, unerzogene Kinder zu modernen Dampfmaschinen, vermenschlichte Tiere zu Heiligen.

Die Zeichner des Verlages waren stets auf der Suche nach neuen, ansprechenden Bildern. Illustrationen aus anderen, auch internationalen Zeitschriften dienten ihnen als Vorlage. Jedes Bild hatte eine Nummer, anhand derer die Mitarbeiter rasch die entsprechende Vorlage für den Druck heraussuchen konnten.

Doch die ganzen Motive dienten nicht nur dem Eigenbedarf. Verlage wie Benziger handelten auch untereinander mit solchen Druckvorlagen. Im «Clichés-Katalog» aus dem Jahr 1879 sind die Bezugsbedingungen aufgelistet: Für 15 Rappen pro Quadratzentimeter stand einem jedes erdenkliche Motiv aus der fantasievollen Bilderwelt des Einsiedler Verlags zur Verfügung.

Was hätten Sie ausgewählt?

 

Zwischen Ende 2019 und Anfang 2020 hat das Museum Fram sechs grosse Sammelbände mit Holzstichillustrationen und einen Klischee-Katalog digitalisieren lassen. Das Ergebnis lässt sich unter den folgenden Links herunterladen oder hier in der Galerie durchstöbern. Viel Vergnügen!

 

Clichés-Katalog (Haa.1.89)

Original-Holzschnitte weltlich für Alte und Neue Welt, etc. (Haa.7.1)

Reproductionen nach Holzschnitten Alte und Neue Welt (Haa.7.2)

Reproductionen nach Holzschnitten (Haa.7.3)

Holzschnitte XI 23626 – 23738 (Haa.7.4)

Holzschnitte VII 14268 – 16549 (Haa.7.5)

Reproductionen nach Holzschnitten Phönix (Haa.7.6)

6. Januar 2020
Der Benziger Verlag im Historischen Lexikon der Schweiz

Aquarell-Zeichnungen des Benziger Verlags zieren derzeit prominent die Homepage des Historischen Lexikons der Schweiz (HLS). Das HLS ist ein Mammutprojekt: Zwischen 2002 und 2014 erschienen je 13 dicke gedruckte Bände auf Deutsch, Französisch und Italienisch mit rund 36’000 Artikeln zur Schweizer Geschichte. Vor rund einem Jahr dann lancierte das HLS sein digitales Alter ego, welches das Projekt in die Zukunft führen soll.

Dazu gehört auch ein Pilotprojekt zu Einsiedeln. Es umfasst im Kern 21 reich illustrierte Artikel zum Benziger Verlag, der Verlegerfamilie Benziger und dem Einsiedler Zweig der Familie Bettschart. Einige der behandelten Personen und Themen waren in einer kürzeren Version bereits in der gedruckten Version vertreten, andere fanden neu Eingang in eines der wichtigsten Medien des historischen Gedächtnisses der Schweiz, darunter Artikel zur Unternehmerin Josefa Meinrada Benziger (1835–1908), zum Kunsthistoriker Pater Albert Kuhn (1839–1929) oder dem Einsiedler Politiker August Karl Bettschart (1885–1956).

Ein nationales Bildgedächtnis

Bereits 1998, vier Jahre vor der Veröffentlichung des ersten gedruckten Bands, begann die Redaktion des HLS, Artikel online zu stellen und ein elektronisches HLS aufzubauen. Das HLS wurde so bereits um die Jahrtausendwende und bevor Wikipedia auf die Bühne trat und den Markt für Enzyklopädien umpflügte, zu einem interaktiven Werk.

Die sinnvollen Digitalisierungsprojekte (man spricht im Jargon gerne auch von «digitalen Infrastrukturen») sind jene, welche die digitalen Möglichkeiten nutzen, ohne Unendlichkeitsphantasien zu verfallen, die traditionell mit der Digitalisierung einhergehen. Das heisst beispielsweise: intuitiv verständliche Oberfläche und übersichtliche Navigation, kostenlose und langfristige Zugänglichkeit, stabile Verlinkungen und standardisierte Metadaten.

Bislang war das e-HLS jedoch kein vollwertiger Ersatz für die gedruckte Version. So waren beispielsweise Illustrationen bis anhin fast ausschliesslich über die vom Historiker Thomas Maissen als «nationales Bildgedächtnis» bezeichnete Printausgabe zugänglich. Früher bestimmten die Logik der gedruckten Bände und das Alphabet die Entwicklung, nun möchte sich das HLS «in erster Linie am Forschungsstand der Geschichtswissenschaft orientieren».

Verfasst hat die Artikel Heinz Nauer, teils auf Grundlage seiner Dissertation «Fromme Industrie. Der Benziger Verlag Einsiedeln 1750–1970», teils auf Basis neuer Recherchen. Die Illustrationen wie auch die Literaturgrundlage stammen grösstenteils aus der Sammlung des Museums Fram.

 

Klicken und stöbern Sie sich durch! Es lohnt sich:

Historisches Lexikon der Schweiz

Publikationsplattform HLS

 

 

PS: Neu im HLS vertreten ist nun übrigens auch ein Personenartikel zu Ruedi Bettschart (1930-2015), der zusammen mit seinem Jugendfreund Daniel Keel (1930-2011) über Jahrzehnte die prägende Figur im Diogenes Verlag war. Ruedi Bettschart sorgte 2003 mit der Gründung der Stiftung Kulturerbe Einsiedeln auch für die langfristige Bewahrung des Nachlassarchivs des Benziger Verlags.