Fram-Blog

Aktuellster Blog-Beitrag vom
8. Juli 2026
«Einsideln» oder wie man das «Dorf von Welt» auch noch schreiben kann

«Der Mann aus Einsidlen», Linus Birchler, im Selbstporträt

 

Wer in unserer Ausstellung «Ein Dorf von Welt» über Einsiedeln die Texttafeln und Bildlegenden liest, wird verschiedenen Schreibweisen des Ortsnamens begegnen. Neben «Einsiedeln» auch «Einsideln» oder «Einsiedlen», wenn nicht sogar «Einsidlen».

Dem einheimischen Kunsthistoriker Linus Birchler, von 1934 bis 1960 Professor für Baugeschichte und Allgemeine Kunstgeschichte an der ETH Zürich, war die übliche Schreibweise «Einsiedeln» schon immer ein Dorn im Auge. Als Mitinitiant der Welttheater-Tradition in seinem Heimatdorf schlug er im Hinblick auf die vonn ihm geprägte Spielzeit von 1930 vor, im Programmheft «Einsiedeln» durch «Einsiedlen» zu ersetzen. Das Organisationskomitee befasste sich nicht allzu lang mit dem Vorschlag und liess im Protokoll festhalten: «Dr. Birchler wünscht eindrücklich, dass das Wort Einsiedeln überall durch Einsiedlen ersetzt werde. HH. Dr. Pater Raphael Häne, Professor der Literatur, erklärt, dass an sich beide Wendungen richtig seien. Beide entstammen dem alten Wort Einsiedelen.» Während aber die Mundart, so Hochwürden Häne, das zweitletzte «e» ausfallen liess, habe die Schriftsprache das letzte «e» gestrichen, «wodurch das heute offiziell und amtlich gebrauchte Einsiedeln sich bildete».

«Einsiedeln» durch «Einsiedlen» oder noch lieber «Einsidlen» zu ersetzen, war dem Ehrenpräsidenten der Gesellschaft der Geistlichen Spiele bis in seine letzten Jahre ein grosses Anliegen. Guntram Saladin, ein Ortsnamenforscher und Mitschüler von Linus Birchler an der Stiftsschule Einsiedeln, sprach von dessen «hartköpfigem ceterum censeo». Die beiden setzten sich 1941 in drei Ausgaben der «Neuen Zürcher Nachrichten» mit «Einsiedeln versus Einsidlen» auseinander. Für Birchler war «Einsiedeln» eine nicht akzeptable «Verhochdeutschung» von «Einsidlen», und ihn packte schon früh «ein heilloser Grimm auf das wüste Wort».

«Der eigenwillige Herausforderer», wie Pater Suso Braun den Toten an der Trauerfeier 1967 nannte, gab sich bis an sein Lebensende nicht geschlagen: In seinem Buch «Vielfalt der Urschweiz», das 1969 posthum erschien und im Jahr 2000 neu herausgegeben wurde, verwendet er konsequent die Schreibweise «Einsidlen», und sein letzter Essay trägt den Titel «Das Einsidler Gnadenbild». Der Architekt und Kunsthistoriker Michael Stettler, einer von Birchlers Studenten, erinnerte sich an seinen Doktorvater in einer Gedenkschrift zum 100. Geburtstag unter der Überschrift «Der Mann von Einsidlen – Linus Birchler».

Die Einsiedlerinnen und Einsiedler liess die Diskussion, ob ihr Dorf «Einsiedeln» oder «Einsidlen» heissen soll, wohl ziemlich kalt. Viel lieber korrigieren sie Auswärtige, wenn diese im Dialekt das «n» unterschlagen und ihr Dorf «Eisiedlä» nennen.

Evelyne Marty

Im Juni 2020 durfte ich im Museum Fram eine Stelle als wissenschaftliche Projekt-Mitarbeiterin antreten. Meine Aufgabe besteht darin, einen Teil des Bildarchivs des Benziger Verlags zu inventarisieren.*

Das Material war zumeist bereits in Archivschachteln fachgerecht gelagert und vorsortiert; viele Schachteln wurden jedoch seit ihrer Ankunft im Archiv des Museums Fram vor über zehn Jahren nicht mehr geöffnet und bargen spannende Überraschungen. In ihnen verstecken sich unglaublich viele hochwertige Druckerzeugnisse des Einsiedler Verlags aus der Zeit zwischen etwa 1870 und 1920.

Mehrere Tausend Bilder

Zur Einordnung des Umfangs: Mich erwarteten nicht weniger als 183 Archivschachteln mit jeweils bis zu zehn Mappen (oder sogenannten «Farbheften») zu einem oder mehreren Bildmotiven, die wiederum mehrere Originale und Drucke in verschiedenen Stufen der Produktion bis zur finalen Version enthalten. Insgesamt handelt es sich also um mehrere Tausend Bilder, die es zu scannen und zu inventarisieren gilt.

Meist ist das Endprodukt in den einzelnen Mappen eine Chromolithografie. Die Firma Benziger übernahm die Technik der Chromolithografie, die es erstmals ermöglichte, farbige Bilder industriell und in grossen Auflagen herzustellen um 1870. In der Schweiz war sie die erste Druckerei, die mit lithografischen Schnellpressen arbeitete.

Nackter Engel über Maria

Ich war ganz überrascht, wie akribisch der Benziger Verlag sein Bildarchiv führte. Schön sortiert findet man die einzelnen Arbeitsschritte und Variationen eines einzelnen Bildmotivs: Bleistiftzeichnungen, Stahlstiche, Aquarelle und Collagen, Lichtdrucke, Klatsche und ein- und mehrfarbige Lithografien (siehe Galerie Beispiel 1). Selbst Probedrucke mit den Notizen zu gewünschten Korrekturen wurden aufbewahrt. Auf einer ersten Version des Bildes «La Madre Santisima de la Luz», das für den lateinamerikanischen Markt produziert wurde, sehen wir über einem schwebenden Engel die feine Bleistift-Notiz «verboten» – Man kann hierzu die Vermutung anstellen, dass der sichtbare Po des Engels vielleicht zu freizügig war und man daher eine zweite Version anfertigte (siehe Galerie Beispiel 2).

Transkribus: Handschriften lesen leicht gemacht

Immer wieder finden sich auch interessante Korrespondenzen mit Künstlern. Da mir die Handschriften des 19. Jahrhunderts zu Beginn nicht geläufig waren, probierte ich ein neues Tool aus: Es heisst Transkribus, erkennt alte Handschriften automatisch und setzt sie direkt in digitale Texte um. Am Beispiel eines Briefs des Einsiedler Mönchs und Kunsthistorikers Albert Kuhn, der mit Benziger eng zusammenarbeitete, sieht man, wie gut das Programm Texte bereits beim ersten Versuch transkribiert (siehe Galerie Beispiele 3 und 4). So kann man ohne grosse Entzifferungs-Arbeit schnell lesen, was Albert Kuhn an den Bildern, die ihm zur Beurteilung geschickt wurden, auszusetzen hatte…

Motive: Blumenkränze neben Fegefeuer und Weinetiketten

Inhaltlich finden sich in den Farbheften neben den typischen Andachtsbildern, Blumenkränzen und Sinnsprüchen auch ungewöhnliche, seltene Motive: Sie zeigen das Fegefeuer, wilde Tiere, feurige Monster oder brennende Schwerter – das inhaltliche Spektrum des Benziger Verlags war weit grösser, als man auf den ersten Blick erwarten würde! (siehe Galerie Beispiele 2 sowie 5–10) Neben religiösen Motiven gibt es immer wieder auch ganz profane Bilder zu entdecken: Entwürfe zu Wappen, zu einer Weinetikette oder eine aufwändig gestaltete Einladungskarte zu einer Hochzeit (siehe Galerie Beispiele 11–12).

Die tollen Motive und die Qualität der angefertigten Zeichnungen beeindrucken mich immer wieder aufs Neue. Ich freue mich schon auf weitere Entdeckungen!

 

Evelyne Marty aus Einsiedeln ist Masterstudentin der Ägyptologie und Archäologie an der Universität Basel und seit 2020 wissenschaftliche Projekt-Mitarbeiterin im Museum Fram.

 * Die Inventarisierungsarbeiten finden im Projekt «Bildarchiv Benziger+» (2020–2021) statt, in dessen Rahmen unter anderem ein Teil des Bildarchivs digitalisiert wird und die bestehenden Sammlungs-Kataloge in der webbasierte Software Artplus zusammengeführt und im Frühling 2021 online publiziert werden. Das Projekt wird vom Lotteriefonds des Kantons Schwyz mit 80 000 Franken unterstützt.

 

8. April 2021
Hans Küng und der mutige Benziger Verlag

Der am 6. April 2021 im Alter von 93 Jahren verstorbene Schweizer Theologe bringt es im Katalog des Benziger Verlags auf nicht weniger als 172 Einträge. Seit Mitte der 60er Jahre war er Herausgeber oder Mitherausgeber von drei Zeitschriften. Und 1970 provozierte er die Kirche mit dem Buch «Unfehlbar? Eine Anfrage».

Hans Küng wurde 1928 in Sursee geboren, 1954 zum Priester geweiht und wirkte ab 1960 als Professor an der Universität Tübingen. Er schrieb zahlreiche Bücher, in denen er sich nicht nur mit Gott und dem Christsein auseinandersetzte, sondern auch mit der Kirche. Oder ganz gezielt mit dem Papsttum. Den Ausgangspunkt für «Unfehlbar? Eine Anfrage» beschreibt Küng in seiner «Kleinen Geschichte der katholischen Kirche» so:

«1870 verkündet Pius IX. gegen zahlreiche Proteste das Dogma der Unfehlbarkeit bei seinen eigenen feierlichen lehramtlichen Entscheidungen. Diese feierlichen (‚ex cathedra’) Entscheide sind auf Grund eines besonderen Beistands des Heiligen Geistes unfehlbar und aus sich selber, nicht aber kraft der Zustimmung der Kirche, unabänderlich.»

Schon 1854, im gleichen Jahrzehnt, in dem Charles Darwin seine Evolutionstheorie veröffentlichte, habe Pius IX. «jenes seltsame Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens» verkündet, «worüber man in der Bibel und in der katholischen Tradition des erstens Jahrtausends kein Wort findet und das im Lichte der Evolutionstheorie auch kaum einen Sinn hat.» Als berühmtes Beispiel für ein Dogma auf dem Hintergrund der Unfehlbarkeit erwähnt Küng dann Papst Pius XII., der 1950 die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel verkündet hat. Das Fass zum Überlaufen bringt bei ihm aber die Enzyklika «Humanae vitae» von Papst Paul VI., «die nicht nur Pille und mechanische Mittel, sondern auch die Unterbrechung des Geschlechtsverkehrs zur Empfängnisverhütung als schwere Sünde verbieten will.» Diese Enzyklika ist für Hans Küng der Anlass, 1970 das Buch «Unfehlbar? Eine Anfrage» zu schreiben. Im Vorwort dazu beruft er sich auf das Konzil:

«Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewollte Erneuerung der katholischen Kirche ist ins Stocken geraten. Dies ist fünf Jahre nach Abschluss des Vatikanum II nicht mehr zu übersehen. Und es wäre unklug und schädlich, es in Kirche und Theologie zu verschweigen. Vielmehr dürfte nach langen nachkonziliaren Jahren des geduldigen, aber vergeblichen Wartens heute eine offenere und deutlichere Sprache angebracht sein, damit der Ernst der Lage sichtbar wird und die Verantwortlichen vielleicht aufhorchen.»

Kein anderes Buch habe er in einem so rasanten Tempo verfasst wie «Unfehlbar? Eine Anfrage», rühmt sich der Theologe 2007 in seinen Erinnerungen unter dem Titel «Umstrittene Wahrheit»:

«Am 16. Mai 1970, unmittelbar vor Pfingsten, ist das Manuskript fertig. Pünktlich zum 100. Jahrestag der Unfehlbarkeitsdefinition des Ersten Vatikanischen Konzils am 18. Juli 1970 wird es vom katholischen Benziger Verlag auf den Markt gebracht und entwickelt sich sofort zum Bestseller. Buchstäblich einschlägig mein Titel: ‚Unfehlbar?‘ Wichtig aber auch der Untertitel, oft nicht mitbedacht: ‚Eine Anfrage‘. Dieser Terminus der Parlamentssprache (Interpellation) besagt ein Auskunftsersuchen an die Regierung. Das ist ehrlich gemeint: Ich will nicht eine feststehende, indiskutable dogmatische These präsentieren. Wohl aber will ich in Kirche und Gesellschaft eine ernsthafte Diskussion anstossen und die Kirchenleitung offen zu einer theologisch überzeugenden Antwort herausfordern.»

Dass dieses aufmüpfige Buch bei Benziger herauskam, ist einem Einsiedler zu verdanken, der damals den theologischen Bereich des Verlags leitete und so bedeutende Theologen wie Hans Urs von Balthasar, Magnus Löhrer (Kloster Einsiedeln), Karl Rahner, Herbert Haag oder Hans Küng verlegte. Noch Jahrzehnte später schwärmt der Autor von seinem Verleger und der Aufmachung des Buches:

«Auffällig gestaltet der Umschlag, eine Idee meines Schweizer Verlegers Dr. Oscar Bettschart, Chef des Benziger Verlags, eines tapferen konziliar denkenden Katholiken: auf schwarz glänzendem Grund oben gross in weiss das Wort ‚Unfehlbar‘ und unten klein mein Name, dazwischen mehr als viermal so gross wie ‚Unfehlbar‘ ein riesiges poppiges Fragezeichen in Pink. Dass dieses Fragezeichen schon überdeutlich sagt, worum es geht, liegt nicht an mir, sondern an der Problematik, die in der Luft liegt.»

Das Buch löst eine riesige Diskussion aus, die Küng in seinen Erinnerungen genau dokumentiert. Er hatte gehofft, damit etwas zu einer konstruktiven Entwicklung innerhalb der Kirche und einer breiteren Akzeptanz beitragen zu können. Das Werk kommt in immer wieder neuen Auflagen heraus. 20 Jahre später zum Beispiel als Taschenbuch mit einem abgeänderten Untertitel: «Unfehlbar? Eine unerledigte Anfrage». Die Anfrage war allerdings schon kurz nach der ersten Publikation unerledigt, die Interpellation blieb unbeantwortet, Küng hatte offensichtlich zu viel erwartet:

«Ob man also in Rom und im Episkopat, denke ich 1970, nach anfänglichem begreiflichem Schock angesichts eines so gut dokumentierten Buches nicht einsehen wird, wieviel die katholische Kirche an Glaubwürdigkeit gewänne, wenn sie ehrlich zu ihren Irrtümern stehen und sie korrigieren würde? Und da nun die Enzyklika ‘Humanae vitae’ selbst innerhalb der katholischen Kirche grösstenteils abgelehnt wird und unwiderlegbar gezeigt hat, in welche Schwierigkeiten sich eine ‘unfehlbare’ und daher korrekturunfähige Kirche bringt, könnte man doch eine selbstkritische Besinnung erwarten.»

Eine selbstkritische Besinnung ist in Rom aber nicht vorgesehen. Stattdessen verkündet im August 1971, ein Jahr nach der Publikation des Buches, der Osservatore Romano:  «Untersuchung gegen Küng eingeleitet.»

Der Schweizer Theologe stand schon seit den 50er Jahren unter verschärfter Beobachtung der Glaubenskongregation. Die Verfahren, die in den 70er Jahren gegen ihn liefen, wurden aber eingestellt. Oder anders gesagt: Rom beschränkte sich auf Rügen und Erklärungen gegen sogenannte Irrtümer. Gerügt und kritisiert wird Küng auch von Theologen, die sich zum Teil von ihm distanzieren, wie überraschenderweise auch Karl Rahner. Dieser gibt 1971 ein Buch heraus mit dem Titel «Zum Problem Unfehlbarkeit. Antworten auf die Anfrage von Hans Küng.» Küng kontert zwei Jahre später mit einem Folgeband zu «Unfehlbar?»:

«Im Januar 1973 erscheint schliesslich, wieder im mutigen Benziger Verlag, das imposante Opus unter dem Titel: ‘Fehlbar? Eine Bilanz’. 525 Seiten umfasst es, 16 Beiträge hochqualifizierter Fachgelehrter zur biblischen, historischen, gesellschaftlichen und theologischen Problematik, davon auf rund 190 Seiten meine persönliche Bilanz, die auf alle wichtigen und auch auf weniger wichtige Fragen der Auseinandersetzung genauestens eingeht.»

Der Konflikt der Kirche mit Hans Küng schwelt weiter, und 1979 schlägt die Deutsche Bischofskonferenz zu: Sie entzieht ihm die kirchliche Lehrerlaubnis, die missio canonica. Küng sieht das als Reaktion auf seine Kritik am Dogma der Unfehlbarkeit. Im dritten Band seiner Erinnerungen «Erlebte Menschlichkeit» denkt er 2013 an diese Zeit zurück:

«Der Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis unmittelbar vor dem Weihnachtsfest 1979 war für mich eine zutiefst deprimierende Erfahrung. Doch bedeutete sie zugleich den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Ich konnte eine ganze Reihe neuer Themen in den Blick nehmen, die nicht nur die Kirche, sondern die Menschheit bewegen: Frau und Christentum, Theologie und Literatur, Religion und Musik, Religion und Naturwissenschaft, den Dialog der Religionen und Kulturen, den Beitrag der Religionen für den Weltfrieden und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Menschheits- oder Weltethos.»

Trotz der «zutiefst deprimierenden Erfahrung» zieht Hans Küng im Rückblick eine positive Bilanz. An den Anfang des Buches setzt er diese Erinnerung:

«Das Leben geht weiter – aber wie!? So hatte ich mich vor drei Jahrzehnten nach den dunkelsten Wochen meines Lebens selber gefragt. Und kann es heute in einem Wort sagen: besser als damals vorauszusehen!»

 

8. März 2021
Die Fram ist auch ein Museum für das Dazwischen

Der Kulturverein SchwyzKulturPlus hat vor ein paar Wochen das Projekt «kulturON» lanciert. Es bietet den Kulturschaffenden im Kanton Schwyz die Möglichkeit, auf diesem Webportal ihre Werke zu präsentieren und sie bei Bedarf auch zum Kauf anzubieten. Die Arbeiten müssen allerdings ein vorgegebenes Thema gestalten. Die Projektgruppe hat sich für das «Dazwischen» entschieden.

Parallel zu dieser Aktion dreht Franz Kälin Videos mit Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Kunstgattungen. In diesem Rahmen ist auch ein kurzes Porträt des Museums Fram als Kulturinstitution entstanden:

Das Museum Fram auf kulturON

13. Januar 2021
Vom Haus zum Tell ins Museum Fram
Zum Tod des Sammlers Karl Hensler

Es gibt kaum etwas, das der Einsiedler Drogist Karl Hensler-Kälin, verstorben am 8. Januar 2021, nicht sammelte. Was sein Vater Karl Hensler-Ochsner (1887-1975) begonnen hatte, führte er ein Leben lang weiter. Seit 2007 befindet sich ein grosser Teil dieses Sammelguts im Museum Fram. Es ist eine Fundgrube von historischen Objekten und schriftlichen Zeugnissen des gesellschaftlichen und religiösen Lebens im Wallfahrtsort Einsiedeln.

Neben Stichen, Lithografien, Liederbüchern, Notenblättern oder Ansichtskarten umfasst die Sammlung «Einsiedlensia» sämtliche Ausgaben des Einsiedler Anzeigers von 1863 bis 2006, dann Zeitschriften und Jahresberichte, Behördenverzeichnisse und Grundbuchpläne. Vereinsschriften und Vereinsfotos erinnern an Organisationen, die es heute noch gibt, oder solche, die wir nicht einmal mehr vom Hörensagen her kennen. Die Pfadi gehört zur ersten Kategorie, der katholische Jünglingsverein zur zweiten.

Die Akten zur «Wädensweil-Einsiedeln-Bahn», die ihren Betrieb 1877 aufnahm, und die Schriften zum Etzelwerk dokumentieren den technischen Fortschritt. Aus dem Jahr 1873 stammt das Buch «Über die rationelle Benutzung der Wasserkräfte vermittelst eines neuen Apparates zur Transmission derselben». Erst gut 60 Jahre später lieferte der Sihlsee zum ersten Mal Strom.

Das Dorfleben wird in der Sammlung von Karl Hensler etwa mit Trachten und Uniformen illustriert, ferner mit einer Unzahl an Plakaten – von den Maskenbällen an der Fasnacht bis zu den Konzerten im Fismo. Einsiedler Persönlichkeiten und Mönche aus dem Kloster sind mit ihren Dissertationen vertreten, P. Rupert Ruhstaller zum Beispiel mit seinen «Methodologischen Untersuchungen über den Bau des griechischen Satzes», die er erst 1967 im Alter von 50 Jahren einreichte.

Zeugen des klösterlichen und kirchlichen Lebens sind in der Sammlung prominent vertreten. Ab 1905 erschien in der Verlagsanstalt Waldstatt das «Pilgerbüchlein. Wegweiser und Begleiter der Pilger nach Maria Einsiedeln.» Drucke aus der Klosterdruckerei gehen bis ins Jahr 1664 zurück. Wesentlich jünger sind die sogenannten Klosterarbeiten mit Reliquien, wie wir sie in unserer Ausstellung «Globale Lokalgeschichten» (2018/2019) zeigen konnten. In der Sammlung von Karl Hensler befindet sich eine reiche Auswahl an Devotionalien, darunter allein 250 Rosenkränze. Da nehmen sich die «2 Dachziegel des Klosterdachs, datiert 1728» zahlenmässig geradezu bescheiden aus.

Wie kam der Tellen-Kari, wie wir ihn nannten, zu kostbaren Gegenständen und seltenen Schriftstücken? Ein Inventar, in dem «Modells zur Fabrikation von Einsiedler Schafböcken im Gebrauch bei Hugo Kürzi-Knobel» erfasst sind, gibt eine mögliche Antwort: «Durch Tausch eines älteren Kinderautos gegen obige Modells gingen die Modells an Karl Hensler, zum Tell, über.» Natürlich war Kari auch auf Sammlerbörsen anzutreffen. Und wenn in Einsiedeln Häuser abgebrochen und Geschäfte oder Gastbetriebe aufgegeben oder umgebaut wurden, war er zur Stelle und rettete, was zu retten war. Etwa die historischen Schilder der Wirtshäuser «Storchen» oder «Zur Glocke».

All die Gegenstände und Dokumente seiner Sammlung wären nicht halb so interessant, wenn wir nichts über sie wüssten. Kari hat sie in langen Listen und auf ausführlichen Zetteln fein säuberlich dokumentiert, wobei er sich dabei auf sein immenses Wissen über die Geschichte, Kultur und Mentalität der von ihm geliebten Region Einsiedeln verlassen konnte. Noch bis vor Kurzem brachte er neue Trouvaillen persönlich im Museum Fram vorbei und lieferte als guter Erzähler die Anekdoten dazu gleich mit.

 

17. Dezember 2020
Wie der reformierte Pfarrerssohn Friedrich Dürrenmatt zum katholischen Benziger Verlag kam

Wer am 15. Dezember 1950 den «Schweizerischen Beobachter» aufschlug, konnte Folgendes lesen: «Der Beobachter hat dem jungen Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt, dessen Stücke in Zürich und Basel starke Beachtung gefunden haben und der zu grossen Hoffnungen berechtigt, den Auftrag gegeben, einen schweizerischen Kriminalroman zu schreiben.» Wie heute noch, kam der «Beobachter» alle vierzehn Tage heraus, und «Der Richter und sein Henker» erschien in Fortsetzungen. Einfach sei die Zusammenarbeit mit dem eher chaotischen Dürrenmatt nicht gewesen. Der Kulturredaktor der Zeitschrift sei mehr als einmal nach Ligerz am Bielersee gepilgert, um die weiteren Kapitel abzuholen. Auch beim Krimi «Der Verdacht», den Dürrenmatt ein Jahr später für den «Beobachter» schrieb, tat er sich nicht leicht mit diesem Auftrag: «Hier die versprochenen Kapitel. Ich kam diese Woche wieder nicht recht zur Arbeit. Die Krankheit meiner Frau, die überdies noch erwartet, zwang mich die Tätigkeit einer Hausfrau zu übernehmen, endlich ist Hilfe gekommen, und nun kann ich die Mord-und-Totschlag-Geschichte weiterspinnen.»

Schreiben zum Lebensunterhalt

Ende der 40er-Jahre war Dürrenmatt bereits mit Stücken wie «Es steht geschrieben» oder «Romulus der Grosse» auf den Theaterbühnen präsent. Um Geld zu verdienen schrieb er aber auch Hörspiele fürs Radio, Drehbücher für den Film, Texte für das legendäre «Cabaret Cornichon» und Theaterkritiken für die «Weltwoche». Er habe sich mehr verzetteln müssen als heute, erinnerte er sich 1973 in einem Gespräch. Und mit Blick auf alle diese Arbeiten meinte er: «Was für herrliche Ideen einem einfallen, wenn man Geld braucht!»

Die Tatsache, dass ein Kriminalroman, der später weltberühmt wurde, ursprünglich in einer Zeitschrift als Fortsetzungsroman erschienen war, würdigt der emeritierte Literaturprofessor Peter von Matt in seinem Buch «Die tintenblauen Eidgenossen» 50 Jahre später so: «Der Erzähler Dürrenmatt begann als Volksschriftsteller, in einer Zeitschrift, einem Heftli. Mit dessen Verbreitung verglichen, waren die ersten Theateraufführungen zahlenmässig eine Randerscheinung. Der ‘Beobachter’ lag damals auf jedem Familientisch. Weder Max Frisch noch Robert Walser hätten je für ein Heftli geschrieben, Friedrich Glauser schon. Die Heftli waren sogar Glausers eigentliches Medium.»

Der Dichter in wilden Wehen

Der «Beobachter» bot Dürrenmatt für seinen ersten Krimi 3000 Franken. Dies hat die Zeitschrift vor 18 Jahren geschrieben, als sie an den Abdruck des Romans erinnerte. Der Autor selber sagte in einem Gespräch 1977, er habe für «Der Richter und sein Henker» nur 1000 Franken bekommen, für «Der Verdacht» dann das Doppelte. Für diesen zweiten Krimi entschied sich der «Beobachter», weil der erste bei den Leserinnen und Lesern «lebhaften Applaus» ausgelöst habe. Auch den zweiten Fortsetzungsroman schrieb Dürrenmatt unter erschwerten Bedingungen. Ein Brief an den Arche Verlag zeugt davon:

«Da es mir den ganzen Sommer über reichlich schlecht ging, bis ich endlich mit einem wunderschönen Koma ins Spital eingeliefert wurde und nun fleissig Insulin spritze, mich im übrigen über meine Tochter freue, die mir gleichzeitig meine Frau geboren; da ich des weiteren ohne einen Rappen Geld und mit vielen ungeduldigen Verlegern dasitze, die sich mit Recht über mich sehr ärgern, oder besser über meinen armseligen Geist, der langsam wie eine Kröte arbeitet, so dass nicht einmal der Roman im ‚Beobachter’ fertig gestellt werden konnte – da dies nun einmal so ist, entschuldigen Sie, lieber Herr Schifferli, dass Sie warten mussten und nehmen Sie die jämmerlichen Fragmente in Empfang, mit denen ich mich dieses Jahr herumschlug, in der Absicht, Werke zu gebären: Es waren wilde Wehen. Herzlichst Dürrenmatt.»

Der Coup des Benziger Verlags

Peter Schifferli war der Verleger des 1944 gegründeten Arche Verlags, in dem von Dürrenmatt 1952 der Erzählband «Die Stadt» erschien. Er hätte damals auch die beiden Heftli-Romane herausgeben können. Am Schluss des vorher zitierten Briefes fügte Dürrenmatt nämlich ein wichtiges PS an: «Benziger interessiert sich auch für die Beobachterromane, aber Sie haben selbstverständlich das Vorfahrtsrecht.» Dieses «Vorfahrtsrecht» nahm der Verleger nicht in Anspruch und überliess die finanziell erfolgreichsten Bücher Dürrenmatts dem Benziger Verlag. Diesen führte damals Gustav Keckeis, der Vater des Lektors und späteren Verlagsleiters Peter Keckeis.  Mögliche Erklärungen für den Verzicht des Arche Verlags liefert Ulrich Weber in seiner kürzlich bei Diogenes erschienenen Dürrenmatt-Biografie: «Dass Schifferli nicht in der Lage gewesen sei, ihm einen Vorschuss dafür zu zahlen, den er dringend benötigt habe (wie sich Dürrenmatt 1973 erinnert), ist wohl nur die halbe Wahrheit – die andere Hälfte, dass Schifferli damals nicht viel vom Genre des Kriminalromans hielt, das kaum literarisches Prestige vermittelte.»

Peter von Matt teilt diese Sicht der Dinge: «Es scheint, dass die Verlage nicht viel auf den Roman des neuen Heftli-Schreibers Friedrich Dürrenmatt gaben. Die Buchausgabe erschien erst zwei Jahre später – 1952 – bei Benziger in Einsiedeln. Was auch merkwürdig war – der monumentale Protestant in dem sehr katholischen Verlag. Von den zwei Einsiedler Jünglingen Daniel Keel und Rudolf Bettschart wusste Dürrenmatt damals noch nichts. Er konnte nicht ahnen, dass sie ihn als Diogenes-Verleger Jahrzehnte später aus der schwersten Schaffenskrise seines Lebens retten und ins literarische Rampenlicht zurückholen würden.»

Der Erfolg bleibt in der Familie

Die Gesamtauflage der Beobachter-Krimis umfasst inzwischen mehr als 6 Millionen Exemplare weltweit. Seit 1978 sind die Rechte beim Diogenes Verlag. Ruedi Bettschart hat sie damals seinem Cousin Oscar Bettschart, Direktor des Benziger Verlags, abgekauft – mit einer «verhandlungstechnischen Glanzleistung», wie es in der Verlagschronik des Diogenes Verlags heisst. Ein Jahr später wechselte Dürrenmatt mit all seinen – auch den noch nicht geschriebenen – Werken zu Diogenes. «Wotsch du mi?», fragte er Daniel Keel, den andern der beiden «Einsiedler Jünglinge», und dieser wollte.

«Der Richter und sein Henker» wurde mehrfach verfilmt und ist in vielen Schulen Pflichtstoff. Dürrenmatt hat das offenbar nicht nur als angenehm empfunden. 1985 klagte er in einem Gespräch mit dem Literaturkenner und Journalisten Fritz J. Raddatz: «Ich habe immer das Gefühl, ‘falsch’ berühmt zu sein – durch den ‘Richter und sein Henker’, durch die ‘Alte Dame’, durch ‘Die Physiker’ –, dass das, was ich sonst geschrieben habe, nicht zählt, und darunter gibt es Stücke und Prosa, die ich für wichtiger und besser halte als meine Evergreens.»