Fram-Blog
8. Juli 2026
«Der Mann aus Einsidlen», Linus Birchler, im Selbstporträt
Wer in unserer Ausstellung «Ein Dorf von Welt» über Einsiedeln die Texttafeln und Bildlegenden liest, wird verschiedenen Schreibweisen des Ortsnamens begegnen. Neben «Einsiedeln» auch «Einsideln» oder «Einsiedlen», wenn nicht sogar «Einsidlen».
Dem einheimischen Kunsthistoriker Linus Birchler, von 1934 bis 1960 Professor für Baugeschichte und Allgemeine Kunstgeschichte an der ETH Zürich, war die übliche Schreibweise «Einsiedeln» schon immer ein Dorn im Auge. Als Mitinitiant der Welttheater-Tradition in seinem Heimatdorf schlug er im Hinblick auf die vonn ihm geprägte Spielzeit von 1930 vor, im Programmheft «Einsiedeln» durch «Einsiedlen» zu ersetzen. Das Organisationskomitee befasste sich nicht allzu lang mit dem Vorschlag und liess im Protokoll festhalten: «Dr. Birchler wünscht eindrücklich, dass das Wort Einsiedeln überall durch Einsiedlen ersetzt werde. HH. Dr. Pater Raphael Häne, Professor der Literatur, erklärt, dass an sich beide Wendungen richtig seien. Beide entstammen dem alten Wort Einsiedelen.» Während aber die Mundart, so Hochwürden Häne, das zweitletzte «e» ausfallen liess, habe die Schriftsprache das letzte «e» gestrichen, «wodurch das heute offiziell und amtlich gebrauchte Einsiedeln sich bildete».
«Einsiedeln» durch «Einsiedlen» oder noch lieber «Einsidlen» zu ersetzen, war dem Ehrenpräsidenten der Gesellschaft der Geistlichen Spiele bis in seine letzten Jahre ein grosses Anliegen. Guntram Saladin, ein Ortsnamenforscher und Mitschüler von Linus Birchler an der Stiftsschule Einsiedeln, sprach von dessen «hartköpfigem ceterum censeo». Die beiden setzten sich 1941 in drei Ausgaben der «Neuen Zürcher Nachrichten» mit «Einsiedeln versus Einsidlen» auseinander. Für Birchler war «Einsiedeln» eine nicht akzeptable «Verhochdeutschung» von «Einsidlen», und ihn packte schon früh «ein heilloser Grimm auf das wüste Wort».
«Der eigenwillige Herausforderer», wie Pater Suso Braun den Toten an der Trauerfeier 1967 nannte, gab sich bis an sein Lebensende nicht geschlagen: In seinem Buch «Vielfalt der Urschweiz», das 1969 posthum erschien und im Jahr 2000 neu herausgegeben wurde, verwendet er konsequent die Schreibweise «Einsidlen», und sein letzter Essay trägt den Titel «Das Einsidler Gnadenbild». Der Architekt und Kunsthistoriker Michael Stettler, einer von Birchlers Studenten, erinnerte sich an seinen Doktorvater in einer Gedenkschrift zum 100. Geburtstag unter der Überschrift «Der Mann von Einsidlen – Linus Birchler».
Die Einsiedlerinnen und Einsiedler liess die Diskussion, ob ihr Dorf «Einsiedeln» oder «Einsidlen» heissen soll, wohl ziemlich kalt. Viel lieber korrigieren sie Auswärtige, wenn diese im Dialekt das «n» unterschlagen und ihr Dorf «Eisiedlä» nennen.
Zusammen mit der Firma archivaria startet das Museum Fram dieses Jahr ein Pilotprojekt mit dem Ziel, die Briefe und Register der Kopierbücher des Benziger Verlags inhaltlich zu erschliessen. Dieser Blogbeitrag von Linus Ruegge und Julia Müller entstand nach ersten spannenden Recherchen.
Bilder, Bilder, Bilder. Wer von einer Bilderflut spricht, denkt wohl an die unsrige, die digitale Zeit. In gewisser Weise waren aber auch schon die Benziger Verleger des 19. Jahrhunderts mit dem Phänomen vertraut. Für die Produktion von Andachtsbildern, Kalendern, Büchern und insbesondere auch des hauseigenen katholischen Unterhaltungs- und Familienblattes «Alte und Neue Welt» brauchten sie schliesslich genau das: Bilder.
Um den wachsenden Bedarf an ansprechenden und aussagekräftigen Illustrationen abzudecken, unterhielt der Verlag ein grosses Netzwerk an Künstlern und Kunsthandwerkern in ganz Europa: Maler, Fotografen, Kupferstecher, Xylo- und Lithografen sowie viele weitere Spezialisten – die männliche Form ist hier korrekt – trugen ihren Teil bei zur katholischen Bilderwelt des Einsiedler Verlags.
Mit ihren Auftragnehmern standen die Benzigers in einem bisweilen regen Briefwechsel, der zumindest teilweise erhalten ist: Von der ausgehenden Korrespondenz hielt das Verlagshaus nämlich einen «Abklatsch» in so genannten Kopierbüchern fest (Abb. 1). Diese Kopierbücher befinden sich heute im Archiv des Museums FRAM und waren Gegenstand eines Pilotprojekts: Im Frühjahr und Sommer 2020 wurden die Register von sechs Kopierbüchern aus der Zeit von 1868 bis 1881 sowie gut 70 Briefe von bekannten Künstlern wie Melchior Paul von Deschwanden oder Carl Offterdinger transkribiert.
Die Register und Briefe zeigen auf, wie der Einsiedler Verlag sein Netzwerk pflegte und stetig erweiterte; und sie erlauben spannende Einblicke in die Produktionsbedingungen der Benziger Bilderwelt. An den Stuttgarter Maler Carl Offterdinger schrieben die Verleger etwa im März 1870, sie bräuchten für die «Alte und Neue Welt» viele Holzschnitte, aber bitte etwas billigere, technisch weniger vollendete. Ein Affront für den arrivierten Offterdinger, dessen Märchenillustrationen noch heute bekannt sind? Keineswegs. Vielmehr entsprach dieses Vorgehen einem eingespielten modus operandi zwischen Benzigers und ihren Künstlern. Die Verleger bestellten Bilder mit teilweise sehr spezifischen Vorstellungen und gaben klare Leitlinien vor, was die Motive anbelangte. Nicht selten lieferten sie auch gleich eine Vorlage mit.
So schickten die Benzigers das Bild eines Eisenbahn-Speisewagens (Abb. 2) nach Stuttgart, das sie in einer amerikanischen Illustrierten gefunden hatten. Sie baten Offterdinger, dieses zu kopieren, aber auch entscheidend abzuändern: «Wir haben vorn an dem Tisch noch ein Mädchen mit langen Haaren angebracht; Statt des Zeitunglesenden Amerikaners wollen Sie möglichst ausdrücklich die Physiognomie eines Juden anbringen. Der aufwartende Neger etwas deutlich, allenfalls etwas weiter vor nehmen. Im Uebrigen halten Sie sich an die amerikanische Zeitung.» (Abb. 3) Wie der im Archiv des Museums erhaltene Holzschnitt zeigt, hielt sich Offterdinger genau an die Anweisungen (Abb. 4).
«Neger», «Juden», «Wilde» und «Trapper», das waren die Figuren, welche die Leserinnen und Leser der «Alten und Neuen Welt» faszinierten, und die vom Benziger Verlag bei seinen Künstlern bestellt wurden. Dabei musste nicht alles neu erfunden werden. Ansprechende Illustrationen aus anderen Zeitschriften wurden in einer analogen Variante des Copy-Paste übernommen und auf die Bedürfnisse der Kundschaft hin zugeschnitten; verschiedene Vorlagen zu neuen «Originalen» vermengt.
Ganz in dieser Manier gaben die Benzigers bei Offterdinger ein weiteres Bild mit Amerikamotiv in Auftrag: Für die Komposition «Abfahrt eines Eisenbahnzuges in Chicago nach Californien» schickten sie zwei Vorlagen und wiederum klare Instruktionen mit. «Statt der beiden amerikanischen Knaben sollen ein paar Negerjungen den Wilden ansehen. Auf dem Bilde II ist ein solcher Negerjunge zu sehen, deßen Costüm beizubehalten wäre.» (Abb. 5) Interessanterweise sind von dieser Illustration sowohl beide Ausgangsbilder (Abb. 6. und 7.) sowie das Endresultat von Offterdinger überliefert (Abb. 8). Finden Sie weitere Unterschiede?
Linus Ruegge und Julia Müller
Karte des Netzwerks des Benziger Verlages um 1870: Jede Markierung entspricht einem Ort, an welchen der Benziger Verlag zwischen dem 15. Dezember 1868 und dem 23. September 1870 einen Brief versandt hat. Leider ist es nicht möglich, mehrere Empfänger an einem Ort auf der Karte darzustellen und zu zeigen, wo die Schwerpunkte dieses Geschäftsnetzes lagen: Es waren grosse Städte wie Frankfurt oder München und nicht etwa Luzern oder Zürich, in welche der Einsiedler Verlag die intensivsten Beziehungen pflegte.
Auf den Spuren ihrer Mutter Cécile Brändli-Probst gelangten Sebastian Brändli und seine Schwester Esther Scheidegger an unser Archiv und fanden hier die vielen Texte, die sie einst in der Zeitschrift «Die Familie» des Benziger Verlages in den 1950er und 1960er Jahren publiziert hatte. Das Ergebnis ist das Buch «Von den Freuden der kinderreichen Familie», das im Februar 2020 als Auswahl von Kurzgeschichten im Limmat Verlag erschienen ist.
In einem persönlichen Rückblick erinnert sich Sebastian Brändli an seine Mutter und die Verbindung der Familie zu Einsiedeln:
Eine Familie mit neun Kindern mitten im Zürich der 1960er Jahre! Die Mutter der neun Kinder – Cécile Brändli, geborene Probst – hatte 1945 ihren Ehemann, Emil Rudolf Brändli, einen Mathematiker ETH, geheiratet. Die Kinder kamen zwischen 1946 und 1963 zur Welt. Im Jahre 2008 starb Cécile nach einer Phase schwerer Demenz.
Cécile Brändli-Probst war meine Mutter. 1919 in Baden als Cäcilia geboren, wuchs sie in Dietikon ZH auf. Dort betrieb ihre Mutter, unsere Grossmutter Anna, den «Konsum», den Lebensmittelladen an der Bergstrasse. Der Vater waltete als Zahlmeister (heute wäre das der Finanzchef) der Weberei in der Damsau an der Limmat (Gemeinde Neuenhof). Cécile war die Älteste von fünf Geschwistern. Sie wäre gerne Lehrerin geworden, doch musste sie wegen des frühen Todes ihrer Mutter die Ausbildung in Menzingen ZG abbrechen.
Selbstverständlich wurde unsere Mutter mit jeder Geburt noch etwas mehr Mutter. Was wäre ihr anderes übrig geblieben? Doch vom Ziel einer ausserhalb der Familie berufstätigen Frau, die sie mit den Berufszielen Primarlehrerin oder Journalistin verband, blieb zeitlebens, dass Cécile der Sprache und dem Schreiben verbunden war. So kann erklärt werden, dass die vielbeschäftigte Mutter und Leiterin eines grossen Haushalts sich noch Zeit für das Schreiben von Artikeln abstehlen konnte. Es gelang nämlich der Schriftleiterin der «Familie», der Familienzeitschrift des Benziger Verlages, sie für zahlreiche Berichte und Kurzgeschichten aus dem Familienleben der katholischen Grossfamilie zu gewinnen. In den Jahren zwischen 1953 und 1964 entstanden so über 150 Texte, die aus Anlass ihres 100jährigen Geburtstages zu Teilen im Limmat Verlag nochmals herausgegeben wurden. Titel: Von den Freuden der kinderreichen Familie.
Mit Einsiedeln war die Zürcher Grossfamilie neben dem Benziger Verlag auch durch gute Freunde der Eltern verbunden. So war der legendäre Apotheker Alois Bettschart von der Engel-Apotheke ein guter Freund unseres Vaters. Es ist wohl auf Alois zurückzuführen, dass auch wir Kinder fast alle Grasberge der Innerschweiz in zahllosen Bergtouren erklommen hatten. Auch wussten wir über die Frauen- und die Silbermänteli bestens Bescheid, für die der Botaniker Bettschart seine Bergkollegen bei Alpbesuch und Bergbesteigung begeistert hatte. Dank Bettschart gelang es uns auch, anfangs der 1960er Jahre mit fast der ganzen Familie eine Aufführung des Einsiedler Welttheaters zu besuchen: ein bleibendes Erlebnis! Wir hatten dank Alois ausgezeichnete Plätze, doch für mich, den kleinen Jungen, blieb die Handlung des Stücks leider unverständlich – jedenfalls kann ich mich vor allem an die abendliche Stimmung und die starke Szenographie auf dem Platz erinnern. Neben Alois bildeten auch Einsiedler Freundinnen der Mutter Verbindungen zum Klosterdorf. Zu erwähnen ist zudem, dass Linus Birchler, der Einsiedler Kunsthistoriker, in diesem Sinne wirkte, war er doch ein verehrter Lehrer unseres Vaters am Poly. Wir hatten schnell gelernt, dass Einsiedeln gleich Barock ist – auch wenn uns die schwarze Madonna wohl noch mehr Eindruck gemacht hatte.
Einsiedeln war schliesslich ein wichtiger Ort für uns Herausgeber der Texte unserer Mutter. Im Fram fanden wir alle Ausgaben der «Familie», und konnten so unsere Artikel-Sammlung vervollständigen. Und gleichzeitig auch den Charme des Klosterdorfes ein weiteres Mal geniessen! Das gerettete Benziger-Archiv ist ein Schatz! Vielen Dank für die gute Betreuung!
Sebastian Brändli, *1955, promovierter Historiker UZH, bis Mai 2020 Amtschef Zürcher Hochschulamt. Zahlreiche Publikationen.
Cécile Brändli-Probst
Von den Freuden der kinderreichen Familie
Herausgegeben von Esther Scheidegger, Kristov Brändli, Sebastian Brändli / Mit einem Geleitwort von Judith Stamm, 144 Seiten, Klappenbroschur, Fotos. Februar 2020. SFr. 26.–, 26.– €
Sie veranschaulichen, erläutern und heben Inhalte hervor. Sie helfen, Zusammenhänge zu verstehen, oder dienen schlicht der Unterhaltung: Illustrationen funktionieren in Verbindung mit geschriebenen Worten oder für sich selbst.
Doch was uns heute selbstverständlich scheint, dass wir nämlich überall Illustrationen antreffen, hat sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt. In den 1830er Jahren entstanden in vielen europäischen Ländern mit den sogenannten «Pfennig-Magazinen» Wochen- und Unterhaltungsblätter. Deren Erfolg war enorm.
Auch der Benziger Verlag aus Einsiedeln gab bebilderte, für die Zeit sehr moderne Blätter heraus. Die Zeitschriften «Einsiedler Kalender» und «Der Pilger», die bei Benziger neben Büchern und Bildern ab den 1840er Jahren erschienen, waren typische Produkte der Zeit. Die Familienzeitschrift «Alte und Neue Welt» (1866-1945), die als bewusste katholische Publikation erschien, warb im Untertitel mit der Visualisierung ihrer Wissensangebote und hiess «Illustriertes katholisches Familienblatt». Die Illustrationen waren dabei ein wichtiger Teil des Programmes.
Die Verbreitung der Illustration in diesen Zeitschriften ist auch einer Weiterentwicklung der Druckverfahren zu verdanken, welche die Anzahl Arbeitsschritte verringerte und half, Zeit und Kosten zu sparen. Ursprünglich wurden jeweils der Text in einem Hoch-, die Illustrationen jedoch in einem Tiefdruckverfahren (z.B. Kupferstich) gedruckt. Beim Hochdruckverfahren stehen die zu druckenden Bereiche vor. Beim Tiefdruckverfahren ist es umgekehrt: die zu druckenden Bereiche werden beispielsweise in eine Kupferplatte eingeritzt.
Das änderte sich mit der Erfindung der Holzstich-Technik, einer Weiterentwicklung des Holzschnitts. Der Holzstich, bei dem eine Hartholzplatte eingraviert wird, erlaubte haarfeine Zeichnungen ähnlich dem Kupferstich. Im Gegensatz zu Letzterem handelte es sich aber um ein Hochdruckverfahren: Weisse Bereiche entfernt man, die zu druckenden Linien lässt man stehen. Dieser Umstand erlaubte es nun, die Illustrationen und den Text in einem Arbeitsgang zu drucken.
In der Praxis wurden allerdings meist nicht die Holzstiche selber als Druckstock genutzt, sondern sogenannte Klischees. Der Fachbegriff Klischee geht auf das französische Cliché zurück und steht für die Erstellung immer gleicher Kopien einer Vorlage. So sind Klischees in Schriftmetall (meistens Zink oder Kupfer) gegossene Nachbildungen der Original-Holzstich-Druckplatte und – ein grosser Vorteil – schnellpressentauglich.
Der Benziger Verlag archivierte seine Illustrationen in grossen Sammelbänden. Gedruckt, ausgeschnitten und nebeneinander aufgeklebt veranschaulichen sie eine grosse Bandbreite von Themen. Darstellungen aus dem Familienleben stehen neben allegorischen Bildern oder Motiven aus der Länder- und Völkerkunde, Landschaften, Szenen aus dem katholischen Alltag, Städteansichten und Erfindungen. Bischöfe gesellen sich zu Indianern, unerzogene Kinder zu modernen Dampfmaschinen, vermenschlichte Tiere zu Heiligen.
Die Zeichner des Verlages waren stets auf der Suche nach neuen, ansprechenden Bildern. Illustrationen aus anderen, auch internationalen Zeitschriften dienten ihnen als Vorlage. Jedes Bild hatte eine Nummer, anhand derer die Mitarbeiter rasch die entsprechende Vorlage für den Druck heraussuchen konnten.
Doch die ganzen Motive dienten nicht nur dem Eigenbedarf. Verlage wie Benziger handelten auch untereinander mit solchen Druckvorlagen. Im «Clichés-Katalog» aus dem Jahr 1879 sind die Bezugsbedingungen aufgelistet: Für 15 Rappen pro Quadratzentimeter stand einem jedes erdenkliche Motiv aus der fantasievollen Bilderwelt des Einsiedler Verlags zur Verfügung.
Was hätten Sie ausgewählt?
Zwischen Ende 2019 und Anfang 2020 hat das Museum Fram sechs grosse Sammelbände mit Holzstichillustrationen und einen Klischee-Katalog digitalisieren lassen. Das Ergebnis lässt sich unter den folgenden Links herunterladen oder hier in der Galerie durchstöbern. Viel Vergnügen!
Original-Holzschnitte weltlich für Alte und Neue Welt, etc. (Haa.7.1)
Reproductionen nach Holzschnitten Alte und Neue Welt (Haa.7.2)
Reproductionen nach Holzschnitten (Haa.7.3)
Holzschnitte XI 23626 – 23738 (Haa.7.4)
Aquarell-Zeichnungen des Benziger Verlags zieren derzeit prominent die Homepage des Historischen Lexikons der Schweiz (HLS). Das HLS ist ein Mammutprojekt: Zwischen 2002 und 2014 erschienen je 13 dicke gedruckte Bände auf Deutsch, Französisch und Italienisch mit rund 36’000 Artikeln zur Schweizer Geschichte. Vor rund einem Jahr dann lancierte das HLS sein digitales Alter ego, welches das Projekt in die Zukunft führen soll.
Dazu gehört auch ein Pilotprojekt zu Einsiedeln. Es umfasst im Kern 21 reich illustrierte Artikel zum Benziger Verlag, der Verlegerfamilie Benziger und dem Einsiedler Zweig der Familie Bettschart. Einige der behandelten Personen und Themen waren in einer kürzeren Version bereits in der gedruckten Version vertreten, andere fanden neu Eingang in eines der wichtigsten Medien des historischen Gedächtnisses der Schweiz, darunter Artikel zur Unternehmerin Josefa Meinrada Benziger (1835–1908), zum Kunsthistoriker Pater Albert Kuhn (1839–1929) oder dem Einsiedler Politiker August Karl Bettschart (1885–1956).
Ein nationales Bildgedächtnis
Bereits 1998, vier Jahre vor der Veröffentlichung des ersten gedruckten Bands, begann die Redaktion des HLS, Artikel online zu stellen und ein elektronisches HLS aufzubauen. Das HLS wurde so bereits um die Jahrtausendwende und bevor Wikipedia auf die Bühne trat und den Markt für Enzyklopädien umpflügte, zu einem interaktiven Werk.
Die sinnvollen Digitalisierungsprojekte (man spricht im Jargon gerne auch von «digitalen Infrastrukturen») sind jene, welche die digitalen Möglichkeiten nutzen, ohne Unendlichkeitsphantasien zu verfallen, die traditionell mit der Digitalisierung einhergehen. Das heisst beispielsweise: intuitiv verständliche Oberfläche und übersichtliche Navigation, kostenlose und langfristige Zugänglichkeit, stabile Verlinkungen und standardisierte Metadaten.
Bislang war das e-HLS jedoch kein vollwertiger Ersatz für die gedruckte Version. So waren beispielsweise Illustrationen bis anhin fast ausschliesslich über die vom Historiker Thomas Maissen als «nationales Bildgedächtnis» bezeichnete Printausgabe zugänglich. Früher bestimmten die Logik der gedruckten Bände und das Alphabet die Entwicklung, nun möchte sich das HLS «in erster Linie am Forschungsstand der Geschichtswissenschaft orientieren».
Verfasst hat die Artikel Heinz Nauer, teils auf Grundlage seiner Dissertation «Fromme Industrie. Der Benziger Verlag Einsiedeln 1750–1970», teils auf Basis neuer Recherchen. Die Illustrationen wie auch die Literaturgrundlage stammen grösstenteils aus der Sammlung des Museums Fram.
Klicken und stöbern Sie sich durch! Es lohnt sich:
Historisches Lexikon der Schweiz
PS: Neu im HLS vertreten ist nun übrigens auch ein Personenartikel zu Ruedi Bettschart (1930-2015), der zusammen mit seinem Jugendfreund Daniel Keel (1930-2011) über Jahrzehnte die prägende Figur im Diogenes Verlag war. Ruedi Bettschart sorgte 2003 mit der Gründung der Stiftung Kulturerbe Einsiedeln auch für die langfristige Bewahrung des Nachlassarchivs des Benziger Verlags.
Jetzt lachen sie uns wieder von allen Seiten an: die Wahlplakate. Doch wie gelingt es ihnen am besten, rasch die Aufmerksamkeit der Betrachter – auch der uninteressierten – auf sich zu ziehen? Wie hat sich das Plakat seit seinen Anfängen verändert? Und was hat das alles mit dem Benziger Verlag zu tun?
Die Geschichte des Plakats geht bis auf die Erfindung des Buch- und Bilderdrucks im 15. Jahrhundert zurück. Diese technische Revolution ermöglichte die Verbreitung von Flugblättern und Flugschriften. Das Plakat im heutigen Sinn erlebte mit der Industrialisierung und dem Tourismus ab dem späten 19. Jahrhundert seine Blütezeit – nicht zuletzt dank einer weiteren technischen Erfindung: Der Farblithografie. Diese ermöglichte es ab den 1870er-Jahren, kostengünstig auch grosse Formate und vor allem farbige Plakate zu drucken.
Auch der Benziger Verlag beherrschte diese Technik sehr bald. Die Einsiedler Firma druckte Werbeplakate mit den unterschiedlichsten Motiven: sei es für eine Tabak- & Cigarrenfabrik in Solothurn, für die Schweizerische Südostbahn, für Schützenfeste oder für das Dorf Einsiedeln als Tourismusdestination. Es dauerte nicht lange, bis sich Künstler auf dieses neue Format spezialisierten: Zwei Beispiele dafür sind der Einsiedler Meinrad Zehnder (1885-1941) und der Schwyzer Melchior Annen (1868-1954), die beide schweizweit für ihre Plakatkunst bekannt waren. Meinrad Zehnder war Zeichenlehrer an der Klosterschule und an der damals bestehenden Gewerbeschule Einsiedeln; Melchior Annen absolvierte eine Lehre als Lithograf bei Benziger und war später während zehn Jahren als Zeichner und Maler in der Grafischen Anstalt Orell Füssli in Zürich tätig. Seine frühesten Plakate entstanden um 1890. Nach dem Ersten Weltkrieg war er einer der Ersten, die auch politische Plakate entwarfen. Zehnder wie Annen arbeiteten regelmässig mit dem Benziger Verlag zusammen und entwarfen für diesen auch mehrere politische und touristische Plakate.
Ganz im Stil der damaligen Zeit integrierten Künstler wie Zehnder und Annen Ansichten und Streckenpläne in ihre Entwürfe von Tourismusplakaten. Diese mussten aus nächster Nähe, also direkt vor dem Plakat stehend, gelesen werden. Mehrere Motive wurden um ein zentrales Bild angeordnet und mit einer Landkarte oder einem Zugfahrplan ergänzt.
Jedoch zeigte sich schon bald, dass Motiv und Text den Betrachter gleichzeitig fesseln müssen, damit ein Plakat seine optimale Wirkung entfalten kann. Statt einer Ansammlung verschiedener Bilder stellte man deshalb nur noch ein einzelnes charakteristisches Sujet dar und erzielte so einen «plakativen» Effekt. Die gestalterischen Kriterien wurden dabei immer wichtiger: Das Format wurde grösser, die Schrift markanter, die Farben satter. Mit kräftiger Umrisslinie dargestellte Politiker, Schützen, Turner oder Bauern nahmen nun den grössten Teil der Bildfläche in Anspruch.
Die damaligen Sujets und die mittels Plakate ausgefochtenen politischen Auseinandersetzungen sind uns längst nicht mehr immer vertraut. Doch die Plakate und ihre Sujets funktionieren in ihrer Bildsprache und ihrer prägnanten Dramatik noch immer. Von welchen Wahlplakaten, die momentan aushängen, wird man das in ein paar Jahrzehnten wohl noch sagen können?
Das Museum Fram arbeitet zurzeit an der Digitalisierung und Inventarisierung seiner Plakatsammlung – und bringt so kostbare Bilderschätze wieder ans Licht.



























































