Fram-Blog

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8. Juli 2026
«Einsideln» oder wie man das «Dorf von Welt» auch noch schreiben kann

«Der Mann aus Einsidlen», Linus Birchler, im Selbstporträt

 

Wer in unserer Ausstellung «Ein Dorf von Welt» über Einsiedeln die Texttafeln und Bildlegenden liest, wird verschiedenen Schreibweisen des Ortsnamens begegnen. Neben «Einsiedeln» auch «Einsideln» oder «Einsiedlen», wenn nicht sogar «Einsidlen».

Dem einheimischen Kunsthistoriker Linus Birchler, von 1934 bis 1960 Professor für Baugeschichte und Allgemeine Kunstgeschichte an der ETH Zürich, war die übliche Schreibweise «Einsiedeln» schon immer ein Dorn im Auge. Als Mitinitiant der Welttheater-Tradition in seinem Heimatdorf schlug er im Hinblick auf die vonn ihm geprägte Spielzeit von 1930 vor, im Programmheft «Einsiedeln» durch «Einsiedlen» zu ersetzen. Das Organisationskomitee befasste sich nicht allzu lang mit dem Vorschlag und liess im Protokoll festhalten: «Dr. Birchler wünscht eindrücklich, dass das Wort Einsiedeln überall durch Einsiedlen ersetzt werde. HH. Dr. Pater Raphael Häne, Professor der Literatur, erklärt, dass an sich beide Wendungen richtig seien. Beide entstammen dem alten Wort Einsiedelen.» Während aber die Mundart, so Hochwürden Häne, das zweitletzte «e» ausfallen liess, habe die Schriftsprache das letzte «e» gestrichen, «wodurch das heute offiziell und amtlich gebrauchte Einsiedeln sich bildete».

«Einsiedeln» durch «Einsiedlen» oder noch lieber «Einsidlen» zu ersetzen, war dem Ehrenpräsidenten der Gesellschaft der Geistlichen Spiele bis in seine letzten Jahre ein grosses Anliegen. Guntram Saladin, ein Ortsnamenforscher und Mitschüler von Linus Birchler an der Stiftsschule Einsiedeln, sprach von dessen «hartköpfigem ceterum censeo». Die beiden setzten sich 1941 in drei Ausgaben der «Neuen Zürcher Nachrichten» mit «Einsiedeln versus Einsidlen» auseinander. Für Birchler war «Einsiedeln» eine nicht akzeptable «Verhochdeutschung» von «Einsidlen», und ihn packte schon früh «ein heilloser Grimm auf das wüste Wort».

«Der eigenwillige Herausforderer», wie Pater Suso Braun den Toten an der Trauerfeier 1967 nannte, gab sich bis an sein Lebensende nicht geschlagen: In seinem Buch «Vielfalt der Urschweiz», das 1969 posthum erschien und im Jahr 2000 neu herausgegeben wurde, verwendet er konsequent die Schreibweise «Einsidlen», und sein letzter Essay trägt den Titel «Das Einsidler Gnadenbild». Der Architekt und Kunsthistoriker Michael Stettler, einer von Birchlers Studenten, erinnerte sich an seinen Doktorvater in einer Gedenkschrift zum 100. Geburtstag unter der Überschrift «Der Mann von Einsidlen – Linus Birchler».

Die Einsiedlerinnen und Einsiedler liess die Diskussion, ob ihr Dorf «Einsiedeln» oder «Einsidlen» heissen soll, wohl ziemlich kalt. Viel lieber korrigieren sie Auswärtige, wenn diese im Dialekt das «n» unterschlagen und ihr Dorf «Eisiedlä» nennen.

1. September 2019
Engelweihe in Einsiedeln: Trompetten, Pusonen und grobes Geschütz

Am Samstag, dem 14. September, wurde in Einsiedeln das Fest der Engelweihe gefeiert. Wie dies in früheren Jahrhunderten ablief, wird bei uns in der Ausstellung «Ein himmlisch’ Werk» gezeigt.

Wenn der 14. September auf einen Sonntag fiel, feierte man das Fest zwei volle Wochen lang und sprach von der Grossen Engelweihe. Der 21. September 1687 war zum Beispiel der zweite Sonntag der Grossen Engelweihe, die P. Joseph Dietrich in seinem Tagebuch dokumentiert hat. Da kann man nachlesen, dass es sich dabei eher um ein lautes Fest handelte:

«…am Morgen gleich umb ein Viertel nach 2 Uhr der Anfang gemacht mit Trompetten, Pauken, Fagotten, Pusonen, Geigen etc. Welche unssere Herren mit sich in den ausseren Glokenthurm getraggen, unnd dorten sehr lieblich mit ein anderen aufgespihlt bis schier umb 3 Viertel auf 3 Uhr, da das grobe Geschütz die Music abgelösst, unnd mit 20 Schützen bis schier umb 3 Uhr continuieret, darüber ohne Interstitio das Gleüt in allen Thürmen zusamen gezogen worden»

 

Wie laut oder diskret die Engelweihe knapp 250 Jahre später gefeiert wurde, lässt sich nicht nachweisen. Aber wie Musikbibliothekar P. Lukas Helg recherchiert hat, wurden am 14. September 1819 in zwei Vespern und zwei Messen neben zahlreichen Psalmen auch Werke von P. Markus Landtwing und Abt Marian Müller aus dem Kloster Einsiedeln oder das «Gloria» von Johann Christian Bach aufgeführt sowie – man stelle sich vor! – die Ouvertüren zu den Opern «Le nozze di Figaro» von Wolfgang Amadeus Mozart und «Der Kalif von Bagdad» von François-Adrien Boieldieu.

16. April 2019
Das «himmlisch’ Werk» und seine geistigen Väter

Wer sich die Musik erkiest,
hat ein himmlisch Werk gewonnen;
denn ihr erster Ursprung ist
von dem Himmel selbst genommen,
weil die lieben Engelein
selber Musikanten sein.

 

Von Martin Luther (1483-1546) sei es nicht, der Reformator werde fälschlicherweise als Autor dieses Gedichts genannt, meint der Theologe Christofer Frey (*1938) auf einer Website über falsch zugeschriebene Zitate. In der Weimarer Werkausgabe von Luthers Schriften komme das Wort «erkiesen» nur fünfmal vor und jedes Mal im Zusammenhang mit der Wahl eines Richters oder eines Partners. Nirgends sei aber davon die Rede, dass sich jemand «die Musik erkiest» habe. Also stammt das Gedicht, nach dessen zweiter Zeile die kommende Ausstellung im Museum Fram benannt ist, nicht von Luther. Aber vielleicht von Eduard Mörike (1804-1875), wie auf einer andern Website zu lesen ist? Nein, der schwäbische Pfarrer und Dichter («Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte…») hat es auch nicht geschrieben, nur abgeschrieben, und zwar vom «Kasten der Orgel in Güglingen». Dass der wahre Autor Erdmann Neumeister (1671-1756) war, dürfte Mörike wohl nicht gewusst haben. Neumeister war Theologe und schuf zum Beispiel Texte zu Kantaten, die auch von Johann Sebastian Bach vertont wurden. Seine Version des Gedichts lautete leicht anders. Dem Versmass zuliebe empfiehlt es sich, das Wort «Musik» auf der ersten Silbe zu betonen.

 

Wer die Musik sich erkiest
Hat ein himmlisch Gut bekommen,
Denn ihr erster Ursprung ist
Von dem Himmel selbst genommen
Wenn einst in der letzten Zeit
Alle Ding wie Rauch vergehen
Bleibet in der Ewigkeit
Doch die Musik noch bestehen,
Weil die Engel insgemein
Selbsten Musikanten seyn.

Ob «himmlisch Gut» oder «himmlisch Werk» – die Schaffung der Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln war ein gutes Werk. Mitbegründet hat es in der Mitte des 19. Jahrhunderts P. Gall Morel. Ihm wird eine ganze Abteilung der Ausstellung gewidmet sein. Das «gute Werk» in jüngerer Zeit fortgesetzt hat P. Lukas Helg, Co-Kurator der Ausstellung. Er betreut die Musikbibliothek seit über 40 Jahren.

 

Kurz, weniger förmlich, günstiger und schneller als der Brief. Das war von Anfang an das Erfolgsrezept der Postkarte. Sie wird in diesem Jahr 150 Jahre alt. 1869 wurde sie als «Correspondenzkarte» offiziell in Österreich eingeführt. Der Erfolg des neuen Mediums war riesig. Bald entdeckte auch Einsiedeln ihr Potenzial.

Postkarten waren billiger als ein Brief oder ein Telegramm, und da die Post mehrmals täglich zugestellt wurde, war es sogar möglich, per Postkarte einen Termin am gleichen Tag zu vereinbaren oder kurze Geschäftsmitteilungen zu verschicken – ähnlich den heutigen SMS, E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten. Dank der Erfindung von modernen und preisgünstigen Mehrfarben-Drucktechniken gab es ab 1890 Ansichtskarten, die mit Illustrationen und Fotomotiven verziert waren. Mittels der Chromolithografie konnte man nun auch farbige Postkarten herstellen. Der Lichtdruck ermöglichte die Herstellung von Schwarz-Weiss-Fotopostkarten, die mit verschiedenen komplizierten Verfahren koloriert wurden.

Auch in Einsiedeln nutzte man mit dem Aufkommen des Tourismus das neue Kommunikationsformat und druckte massenweise Ansichtskarten. Kloster- und Dorfansichten, Strassen und Plätze, Landschaften mit und ohne Kapellen sowie religiöse Feste waren prädestinierte Sujets. Hotels, Geschäfte und Gasthöfe setzten nun eigene Postkarten als Werbeträger ein. Stolz präsentierte man das neue, antikisierend gestaltete Rathaus und das neue Bahnhofgebäude. Nicht nur einheimische Verlage wie Benziger, sondern auch solche aus Zürich oder Luzern produzierten Ansichtskarten mit Einsiedler Motiven. Eine Mode der Zeit waren sogenannte «Mondscheinkarten», die man auf dunklem Karton druckte.

Um spezifische Zielgruppen anzusprechen, setzte man gezielt künstlerische Mittel ein. Zum Beispiel wurden mehrere Bildebenen kompiliert und mit Staffagefiguren im Vordergrund ergänzt. Mit Bildern von Kindern richtete man sich direkt an Familien. Seminaristen standen für das idyllische Studentenleben. Schneelandschaften und Skifahrer wandten sich an Wintersportler.

Die Jahrzehnte um 1900 waren die Blütezeit der Ansichtskarte. In der Schweiz und überall in Europa wurde sie millionenfach verschickt. Jeder konnte seine Erlebnisse nun schnell Freunden und der Familie mitteilen oder eine Postkarte als Andenken an den Ausflug in die Berge, in die Stadt oder an den Wallfahrtsort mit nach Hause nehmen. Sehr populär war es, Postkartenmotive in Alben einzuordnen und sie untereinander zu tauschen. Dies in einer Zeit, in der die private Fotografie noch nicht verbreitet war. Es waren die Ansichtskarten, welche die allgemeine Bildvorstellung einer Stadt oder eines Dorfes prägten.

10. Januar 2019
Streik! Eine «moderne Gesslergeschichte» in Einsiedeln
Gastbeitrag von Patrick Schönbächler

«Wohl der denkwürdigste Streik, der seit Bestehen der schweiz. Arbeiterorganisation geführt wurde», meinte die Helvetische Typographia zum Streik beim Benziger Verlag, der zwischen dem 27. Januar und 27. April 1900 in Einsiedeln stattfand. Ausgelöst wurden die Unruhen aber bereits im September des Vorjahres, als Charles Benziger-Gottfried, der technische Direktor, eine Lohnreduktion von 20-25% ankündigte. Die auf den Platz gerufene Gewerkschaft, die Helvetische Typographia, engagierte sich für die Angestellten, organisierte und unterstützte diese. Bis dahin hatte die Verlegerfamilie Benziger jeglichen Arbeiterbewegungen und -organisationen den Garaus gemacht. Man war aber nicht nur gewillt, solche zu unterbinden, sondern weigerte sich überhaupt, mit ihnen direkt zu verhandeln.

Denkwürdig waren Lohnreduktionsaffäre und Streik in Einsiedeln bei der Firma Benziger aufgrund der besonderen Affiche: Gewerkschaft und Arbeiterbewegung in katholischen Stammlanden, in einem Wallfahrtsort und noch bei den «Typographen des hl. Stuhls», so der vom Papst verliehene Ehrentitel der Firma.

Klar zu Tage trat in der Auseinandersetzung, dass die um 1900 kontrovers diskutierte Frage, ob es eine «Neutralität der Gewerkschaften» gebe oder nicht, zu verneinen war. Einem katholischen Männer- und Arbeiterverein – das zeigte sich in Einsiedeln – fehlten aus christlicher Überzeugung nicht bloss die Kampfmittel, sondern auch die Kampfbereitschaft; und ein Arbeitskampf, wenn er sich denn als unumgänglich und notwendig erwies, war aus damaliger Sicht per se «socialdemokratisch» und verpönt.

Fast logische Folge dieses «Musterstreiks» war der für die seinerzeitigen Verhältnisse unglaubliche Medien- und Propagandakrieg, der hauptsächlich zwischen der «sozialdemokratischen Presse» und dem Einsiedler Anzeiger sowie der Firma Benziger stattfand und schweizweit mit Vehemenz ausgetragen wurde. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung erschien in der Satirezeitschrift «Der Neue Postillon» eine Darstellung, die den Konflikt als «moderne Gesslergeschichte» zeigte.

Der Streik bei der Firma Benziger umfasste nur einen Teil der Belegschaft. Es war keine totale Solidarität aller Arbeiter der Firma Benziger vorhanden. Von insgesamt etwa 500 Arbeitern streikte lediglich ein Drittel.

 

Vermittlungsbemühungen des Schwyzer Regierungsrates, des Einsiedler Abtes oder auch des Bischofs von Chur führten zu keinem Erfolg. Eher ernüchternd war, dass die Einigung letztlich auch ohne Beteiligung der Gewerkschaften zustande kam, nämlich – mit Hilfestellung des Bezirksrates von Einsiedeln – durch eine Zwölfer-Delegation der Belegschaft. Dennoch ist die Rolle der Gewerkschaften im Ganzen als zentral und wichtig einzustufen, weil sie den Streik durch die finanzielle und ideelle Unterstützung überhaupt erst ermöglicht hatten. Sachlich betrachtet gingen die Arbeiter gestärkt aus der Auseinandersetzung hervor und hatten sich die Arbeitsbedingungen für die meisten von ihnen – mit Ausnahme wohl am ehesten der Hilfsarbeiter – merklich verbessert.

Die Helvetische Typographia meinte abschliessend: «Eines ist sicher, dass in der finstern Waldstatt ein Samenkorn ausgestreut wurde, das nie mehr ganz zu ersticken sein wird.»

 

Literatur:

Daniel Meienberg, Der Streik bei der Verlagsanstalt Benziger in Einsiedeln im Jahr 1900, Lizentiatsarbeit Zürich 2009.

Heinz Nauer, Fromme Industrie, Der Benziger Verlag Einsiedeln 1750-1970, Baden 2017.

Patrick Schönbächler, Der Buchdrucker-Streik bei Benziger, oder die Geschichte einer Arbeiterbewegung bei den «Typographen des hl. Stuhls» im katholischen Wallfahrtsort Einsiedeln, in: Mitteilungen des Historischen Vereins des Kantons Schwyz 110 (2018), S. 231ff.

 

Patrick Schönbächler, 50, ist Alumnus der Stiftsschule Einsiedeln, promovierter Jurist, und ein Kenner der Einsiedler Lokalgeschichte. Sein Privatarchiv umfasst über 30‘000 Ansichten, Drucke, Fotografien aus Einsiedeln für die Zeit von 1500 bis heute. Weitere Informationen finden Sie hier: www.hejbsch.ch

Gall Morel: Geboren am 24. März 1803 als Benedikt Morel in der Ostschweiz. 1820 Eintritt ins Kloster Einsiedeln. Am 6. Dezember 1872 an einer Lungenentzündung gestorben. Und dazwischen? Das Leben eines Mönchs eignet sich schlecht für biografisches Erzählen. Auch die Leben von Historikern und Philologen nicht. Bei Gall Morel kommen all diese Eigenschaften zusammen.

Gall Morel: Benediktinermönch und Privatgelehrter, Seelsorger und Dichter, Philologe und Historiker. Das Nidwaldner Volksblatt schrieb in einem Nachruf im genretypischen Pathos: «Sein Name wird über die Stiftsglocken von Einsiedeln hinaustönen über unsere Schweizerberge, hinaus in die Weltstadt Paris, hinein ins Welschland bis vor Sanct Peters ewigem Dom in Rom, mit den Strahlen der Abendsonne hinüberziehen über das Weltmeer, bis ins ferne Amerika.» Im Professbuch des Klosters heisst es schlicht, Gall Morel sei der «universalste Geist, den das Stift besessen». Was wir also wissen: Gall Morel war irgendwie wichtig. Was wir nicht wissen: Weshalb eigentlich genau. Denn die Nachwelt hat sich in den fast 150 Jahren seit seinem Tod nur wenig mit ihm beschäftigt.

Ausser dem Amt des Abtes hatte Gall Morel eigentlich jedes Klosteramt inne: Er war 37 Jahre lang Klosterbibliothekar, ein «Bücherjäger», wie er selbst sagte. Er war 46 Jahre lang Lehrer für Philosophie und Rhetorik an der Schule, 36 Jahre lang Präfekt und dann Rektor der Schule, ein «Schulmann», wie man damals sagte. Er hat Lehr- und Schulbücher verfasst, war mehrere Jahre lang Erziehungsrat und Schulinspektor im Kanton Schwyz und Mitautor des Schwyzer Schulgesetzes von 1848. Und: Die Stiftsschule machte unter seiner Leitung den Schritt von einer bescheidenen Rekrutierungsanstalt für Nachwuchsmönche zu einer offenen humanistischen Bildungsinstitution.

Gall Morel: ein musischer Mensch und ein vorzüglicher Geigenspieler. Er hat den Grundstein gelegt zur bedeutenden Musikbibliothek des Klosters, war einige Jahre lang Kapellmeister, hat mit Schülern im Kloster Opern aufgeführt. Religiöse Lieder aus seiner Feder stehen heute noch im Kirchengesangbuch.

Gall Morel: Volksschriftsteller, religiöser Lyriker und Verfasser von manchem geselligen Trinkspruch. Seine Gedichte belebten Kalender, Zeitschriften, Andachtsbilder und zieren heute noch Weinetiketten. Er verfasste pädagogische und lokalhistorische Theaterstücke, darunter «Dr Franzos im Ybrig», der später von Meinrad Lienert und noch später von Thomas Hürlimann adaptiert wurde.

Er machte, wie man aus der Lektüre seiner Tagebücher erfährt, gerne lange Spaziergänge ins «Tannzapfenparadies» Einsiedeln, las unterwegs Shakespeare, Horaz, Goethe und notierte sich Ideen für neue Gedichte. Er unternahm lange Reisen nach Mailand, Genua, Rom, Subiaco, Assisi, Florenz, München, Wien, Paris und Nürnberg. Dort besuchte er die grossen Kunstsammlungen, Kathedralen, Bibliotheken. Diese Reisen waren sein persönliches «Jagdvergnügen», auf denen er Manuskripte, Bücher und Kunstwerke erlegte.

Gall Morel: Klosterarchivar, Philologe und Wissenschaftler. Je trockener die Materie, desto mehr Freude machte sie ihm. Er sammelte Bücher und Manuskripte, Käfer, Schmetterlinge und Münzen, Gemälde und Kupferstiche, verfasste archivarische Listen und Regesten, führte Zettelkästen, legte lange Register an und schaffte so die Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten im Kloster.

Vielleicht am wichtigsten: Gall Morel war ein Networker. 1840 war er Mitgründer der schweizerischen geschichtsforschenden Gesellschaft (heute Schweizerische Gesellschaft für Geschichte), wenig später Gründungsmitglied des Historischen Vereins der fünf Orte (heute Historischer Verein Zentralschweiz), bald Ehrenmitglied des Vereins für vaterländische Altertümer in Zürich und bald Mitglied in weiteren gelehrten Gesellschaften von Graubünden bis Genf und von Nürnberg bis Luzern. Wenn ein Mittelalterforscher in Nürnberg die Inschrift einer gotischen Kathedrale nicht entziffern konnte, dann schrieb er Gall Morel einen Brief. Wenn der berühmte Zürcher Archäologe Ferdinand Keller eine Arbeit über Siegel in der Schweiz abfasste, dann schrieb er Gall Morel einen Brief. Und wenn ein St. Galler Geograph wissen wollte, ob es im Kanton Schwyz eigentlich Bartgeier gebe, dann fragte er Gall Morel.

Auch wichtig: Gall Morel hatte Sinn für Ironie: Einer seiner Leitsprüche, so sein Biograf Pater Benno Kühne, war: «Fuge ceu pestem, ten polypragmosyne» – «Meide wie die Pest die Vieltuerei».

Der Historiker, der sich im Jahr 2018 vertieft und ernsthaft mit der Biografie Gall Morels auseinandersetzen wollte (lohnen würde es sich zweifelsohne), würde sich indes kaum mit Anekdotischem begnügen und auch nicht mit der positivistischen Addierung seiner Ämter und Schriften. Er würde seine Tagebücher lesen, die im Klosterarchiv dutzendfach überliefert sind, seine umfangreiche Korrespondenz auswerten, und nach den konkreten Bedingungen seiner Wissenschaft und Schriftstellerei fragen. Mit wem stand er in Kontakt? Was für Gedanken und was für Objekte tauschte er mit seinen Korrespondenzpartnern? Und der Historiker würde wohl auch fragen, ob Gall Morels philologisch-wissenschaftliche Lebensleistung dem Hirn eines einzelnen genialen Universalgelehrten entsprang oder vielleicht doch eher das Produkt eines grösseren Kollektivs war.

P.S.: Eine Abteilung der Ausstellung Ein himmlisch Werk. Musik aus dem Kloster Einsiedeln (ab Mai 2019 im Museum Fram) wird Gall Morel gewidmet sein.

 

Literatur:

Benno Kühne, P. Gall Morel. Ein Mönchsleben aus dem XIX. Jahrhundert, Einsiedeln 1875 (Digitalisat online: reader.digitale-sammlungen.de).

Sebastian Brändli, Die «Antiquaren» in Einsiedeln. Gall Morel und seine Zürcher Freunde, in Äbte, Amtleute, Archivare. Zürich und das Kloster Einsiedeln, Zürich 2009, 100-124.

Anton Gössi, «Hätt ich doch nimmer gedacht, dass in Rom so Vieles zu finden!» Die Italienreisen des Einsiedler Paters Gall Morel, in Vedi Napoli e poi muori. Grand Tour der Mönche, hrsg. von der Stiftsbibliothek St. Gallen, St. Gallen 2014, 231-237.