Fram-Blog

22. Mai 2018
«Das Rösslein Hü» ist das beliebteste Kinderbuch beim Publikum von Radio SRF 1

Radio SRF 1 wollte kürzlich wissen, welches bei seinen Hörerinnen und Hörern das beliebteste Kinderbuch sei. Die Antwort war überraschend klar: «Das Rösslein Hü» von Ursula M. Williams. Auf den Plätzen zwei und drei folgten «Die kleine Hexe» von Otfried Preussler und «Die Turnachkinder» von Ida Bindschedler.

Um herauszufinden, ob die Geschichte über das Holzpferdchen bei den Kindern auch heute noch ankommt, ging die Moderatorin Christina Lang kurz vor Pfingsten zu Primarschülern ins Schulhaus Schanzengraben in Zürich, und siehe da: auch sie liessen sich von dieser 80 Jahre alten Geschichte fesseln und berühren.

«Das Rösslein Hü. Seine lustigen und gefährlichen Abenteuer» erschien 1938 im Einsiedler Benziger Verlag, übersetzt von einem völlig unbekannten 22-jährigen Rapperswiler namens Franz Caspar. Er hatte sein Studium unterbrochen, um bei Benziger eine Verlagslehre zu absolvieren. Mit dem englischen Kinderbuch, das die britische Autorin Ursula M. Williams geschrieben hatte, als sie ihr erstes Kind erwartete, bescherte er dem Verlag einen richtigen Longseller. Vor wenigen Jahren erst kam das Buch bei Orell Füssli neu heraus, weil die Nachfrage bis heute anhält.

 

Drei Jahre nach der Veröffentlichung des «Rösslein Hü», 1941, wanderte Franz Caspar nach Südamerika aus. Er arbeitete fünf Jahre lang als Entwicklungshelfer in Bolivien und erforschte in Brasilien die Kultur der Tupari-Indianer. Über diese Erlebnisse und Erfahrungen berichtete er im Buch «Allein unter Indios». 1949 kam er nach Europa zurück und nahm sein Studium der Ethnologie, Psychologie und Politikwissenschaft wieder auf.

Vielleicht litt er in den Jahren danach unter Fernweh und hat deshalb 1953 eine Fortsetzung des «Rösslein Hü» geschrieben. Aber dieses Mal war es keine Übersetzung, sondern eine eigene Schöpfung: «Das Rösslein Hü zieht wieder in die Welt». Und damit hatte Benziger erneut einen Bestseller. Franz Caspar selber zog allerdings nicht mehr in die Welt hinaus, sondern arbeitete als Lektor für Jugendbücher beim Sauerländer Verlag. Er lektorierte aber nicht nur, sondern schrieb 1959 wieder ein Buch, das vom Orell Füssli Verlag vor drei Jahren ebenfalls neu herausgegeben wurde: «Fridolin – Eine lustige Geschichte für Kinder».

Zeit seines Lebens engagierte sich Franz Caspar für das Kinder- und Jugendbuch. Und so gründete er denn in Zürich vor genau 50 Jahren das «Schweizerische Jugendbuch-Institut» als Teil der «Johanna Spyri-Stiftung». Franz Caspar starb 1977.

10. April 2018
Trouvaillen aus der Sammlung: Wie Winnetou in Einsiedeln getauft wurde

Schwer verwundet bittet Winnetou eine Gruppe von weissen Siedlern, ihm das „Ave Maria“ vorzusingen. Anschliessend stirbt er in den Armen seines Freundes Old Shatterhand. Seine letzten Worte sind: „Schar-lih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Lebe wohl!“ So steht es im dritten Roman der Winnetou-Trilogie, die 1893 in Freiburg in Breisgau erstmals in Buchform erschien.

Doch war Winnetou überhaupt getauft und durfte so auf den Himmel der Christen hoffen oder verabschiedete er sich als Ungetaufter in die ewigen Jagdgründe? Diese Frage treibt die Fan- und Forschergemeinschaft rund um Karl May, den Schöpfer von Winnetou, Old Shatterhand und von vielen weiteren literarischen Abenteurern, seit mehr als 100 Jahren um.

Die Antwort ist: Winnetou war getauft. Seine Taufpaten waren die US-amerikanische Jugendautorin und Übersetzerin Marion Ames Taggart und der Benziger Verlag Einsiedeln. Taggart, wie Winnetou eine Konvertitin (sie konvertierte mit 14 Jahren zum Katholizismus), übersetzte die Winnetou-Romane von Karl May im Auftrag der New Yorker Niederlassung des Benziger Verlags wenige Jahre nach deren erstmaligem Erscheinen ins Englische. Die Übersetzungen erschienen 1898 unter den Titeln „Winnetou, the Apache Knight“ und „The Treasure of Nugget Mountain“.

 

Die Übersetzungen waren von Karl May nicht autorisiert. Und wo es dem Verlag und der Übersetzerin nötig schien, nahmen sie Änderungen vor. Old Shatterhand ist in der englischen Ausgabe kein junger Deutscher aus St. Louis namens Karl, sondern ein studierter Ingenieur aus gutem amerikanischem Haus namens Jack. Und: Winnetou muss nicht ungetauft sterben. Taggart lässt Old Shatterhand in der englischen Ausgabe kurzerhand eine Nottaufe durchführen: Er nimmt seine Wasserflasche, sprenkelt dreimal etwas Wasser auf die Stirn seines schwer verwundeten Blutsbruders und spricht zu ihm: „Winnetou, I baptize thee, in the name of the Father, and of the Son, and of the Holy Ghost.“ Winnetous Körper erzittert und er stirbt.

 

Eine ausführliche Darstellung von Karl Mays Beziehungen zu Einsiedeln finden sich hier in einem Aufsatz von Br. Gerold Zenoni.

PDF Zenoni – Karl May

1. Oktober 2017
Trouvaillen aus der Sammlung: Entwurf zu einem Werbeblatt

Entwurf zu einem Werbeblatt für die «Allgemeine Kunst-Geschichte» von Pater Albert Kuhn, um 1910
In nachdenklicher Denkerpose blickt uns der bärtige, schwarzgewandete Mönch an. Seine rechte Hand umschliesst den ersten Band einer «Allgemeinen Kunst-Geschichte». Deren Verfasser Albert Kuhn (1839-1929) war Benediktinerpater im Kloster Einsiedeln, Lehrer, Denkmalpfleger, Schriftsteller und Kunsthistoriker. Mit seiner Kunstgeschichte versuchte er eine Anleitung zu geben zum Genuss von Kunstwerken aller Epochen. Die Initiative für das Werk ging vom Einsiedler Benziger Verlag aus: Bereits 1878 fragte ein Verleger bei Kuhn an, für ihn eine illustrierte Kunstgeschichte zu verfassen, und zwar von einem «ausgesprochen christlich-katholischen Standpunkt aus». Die Anfrage fiel auf fruchtbaren Boden, denn auch Kuhn schmerzte es, dass die Kunstgeschichte «fast ganz von Akatholiken in Beschlag genommen» war.

Der Umfang des Werks sollte laut Verlagsvertrag «nicht weniger als 700 und nicht mehr als 900 Seiten» sein. Es wurden schliesslich sechs Bände mit beinahe 4000 Seiten und über 5500 Illustrationen. Fast 20 Jahre lang arbeitete Kuhn an seinem Werk. Der Weg bis zu seiner Vollendung im Jahr 1908 war ein Leidensweg. Im Jahr 1903 schrieb Kuhn an einen Freund: «Ich arbeite den ganzen Tag an der Kunstgeschichte und sehe immer noch keine Ende.» Und: «Ich hätte kaum den Mut gehabt, anzufangen, hätte ich alles vorausgesehen.» Geld verdienen konnte der Verlag mit dem monumentalen kunsthistorischen Werk kaum. Aber es verschaffte ihm Reputation in Fachkreisen. Und machte sich gut als fleissig beworbenes Aushängeschild.